SPIEL Sachen : Halb Fiction

Christine Wahl über den Hang, Filme nachzuspielen

Christine Wahl

Das Theater hat es zurzeit ziemlich schwer. Man kennt sich als ordentlicher Kulturkonsument mittlerweile bestens mit den Arbeitsbedingungen von Klempnern, Prostituierten oder Feuerwehrleuten aus. Denn die freie Szene bietet jede Menge Alltagsexperten auf (von denen höchstens ein Fünftel Rimini-Protokoll-Qualität erreicht). Und zudem wühlen sich Bühnenkünstler zwar nicht immer mit durchschlagendem Erkenntniserfolg, dafür aber mit gleichbleibender Grandezza in dokumentarische Recherchen hinein, laden zu Stadtrundgängen, archivieren Geschichten über Großeltern, befragen Zufallspassanten nach ihren Lebensmotti und erfinden durchaus interessante neue Spielformate. Aber der dramatische Text scheint out zu sein: Beim Festival Theaterformen beispielsweise, das noch bis zum Wochenende in Hannover stattfindet, basiert von sämtlichen Inszenierungen keine einzige auf einem klassischen Theatertext.

In Berlin ist nun beim Blick auf die Spielpläne der Off-Szene wieder einmal ein Hang zur Filmadaption zu beobachten. Die Spitze der Bewegung bildet die In-Location White Trash Fast Food (Schönhauser Allee 6/7), die als Theaterort ein Newcomer ist: Unter dem Motto „Fast Fiction“ (19./20. und 24.-28. Juni) machen der ausgebildete Schauspieler und White-Trash-Betreiber Wolfgang Sinhart und die Kellnerin und Kulturwissenschaftlerin Helen Suhr aus „Pulp Fiction“ und artverwandtem Quentin-Tarantino-Stoff eine Hommage an den amerikanischen Kultregisseur. Die Kollegen vom Theater unterm Dach greifen unterdessen ins Independent-Fach: Regisseurin Tina Küster und Ausstatterin Claudia Philipp vom Theater Textmarker bringen die irische Low-Budget-Lovestory „Once“ (am heutigen Freitag, 20 Uhr) als Musik- und Theaterprojekt auf die Bühne. Die Latte hängt hoch: Neben dem Publikumspreis auf dem Sundance-Festival bekam „Once“ 2008 einen Oscar für den besten Song.

Vielleicht gelingt es ja den beiden charmanten Performern aus „Made in Russia“ in den Sophiensälen (25./26. Juni, 20 Uhr), ultimativ zu klären, warum das Theater sich eigentlich so gern an Filmstoffen vergreift: Sie enthüllen lückenlos, welche Rolle Jean-Luc Godard für ihr kreatives Schaffen spielt.

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