SPIEL Sachen : Hü und Hott

Christine Wahl über den Stoff, aus dem Entscheidungen sind

Christine Wahl

Zackig aufstehen oder noch ein paar Minuten liegen bleiben? Anrufen oder smsen? Das Kreuzchen bei der CDU oder bei der SPD? Die Theatertruppe Mehrsicht hat bei ihrer „Alltagsrecherche“ mit Interviews eine lang gehegte düstere Vermutung jetzt unwiderruflich bestätigt: Der Durchschnittszeitgenosse krankt an schwerer Entscheidungsunlust! Das ganze Ausmaß des Dilemmas ist unter dem Motto „Fisch oder Fleisch“ im Theater unterm Dach zu besichtigen (Danziger Straße 101, 29.11.–2.12. sowie 13.-16.12., 20 Uhr). Und wer hinterher immer noch nicht weiß, ob er Rot- oder Weißwein trinken, den Partner über den Fehltritt informieren oder sibyllinisch schweigen beziehungsweise Freiberufler bleiben oder einen Festvertrag unterschreiben soll, dem kann man nur wärmstens empfehlen, mit dramatischen Therapien gegenzusteuern.

Das Angebot ist reichhaltig und findet sich, logischerweise, vor allem im pädagogisch umtriebigen Bereich der Nachwuchsförderung – wobei sich insbesondere das Weihnachtsmärchen aufdrängt. So kann der wankelmütige Klient im Angesicht der „Schneekönigin“ im Theater an der Parkaue (25.11., 16 Uhr & 26.11., 10 Uhr) lernen, dass die vorschnelle Entscheidung für attraktive vermögende Partnerinnen nebst kristallener Wohnpaläste noch nicht mal dann klug sein muss, wenn es sich um ausgewiesene Monarchinnen handelt. Als Identifikationsfigur empfiehlt sich in diesem Fall die gänzlich unvermögende Gerda, die die eklatanten Entscheidungsschnitzer ihres Freundes großzügig ausbügelt und noch unter existenziellstem Lebenseinsatz in jeder Sekunde klar sieht, was richtig ist.

Danach empfiehlt sich unverzüglich Stufe zwei: „Die feuerrote Blume“ im Maxim Gorki Theater (2.12., 16 Uhr). Hier ist – quasi am Umkehrfall zur schönen Schneekönigin – zu verinnerlichen, dass Patentrezepte Nonsense sind, sich auch hinter minder attraktiven Gestalten gezielte Entscheidungsmanipulatoren verbergen können und es im Einzelfall sogar von Vorteil sein kann, missmutig in königliche Paläste einzuziehen. Für solche Einsichten dürfte sich ja wohl jede Therapieminute gelohnt haben!

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