SPIEL Sachen : Käthchen und Gretchen

Regisseurin Anja Gronau hat sich auf dramatisches Personal mit derartigem Unschärfe-Appeal spezialisiert. Christine Wahl berauscht sich an destillierten Frauenmonologen.

Christine Wahl

Es gibt ja dramatische Persönlichkeiten, die man im Laufe seiner Zuschauerkarriere schon an die hundertmal auf der Bühne gesehen hat. Das muss allerdings noch lange nicht heißen, dass man ihre teils recht windigen Handlungsmotivationen auch nur ein einziges Mal wirklich nachvollziehen konnte. In der Regel vergisst man das nur spätestens über dem fünften Versuch. Warum, zum Beispiel, ruiniert ein so penetrant sittsames Mädchen wie Margarete wegen des wenig originellen Flirtversuchs eines mühselig mit satanischer Hilfe schönheitsoperierten Greises („Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?“) gleich ihr ganzes Leben? Oder weshalb trottet Das Käthchen von Heilbronn bis über die Schmerzgrenze hinaus auf Schritt und Tritt hinter dem zu Recht genervten Grafen Wetter vom Strahl her? Bloß, weil es so schön von ihm geträumt hat?

Wer solche Sachen wirklich wissen will, ist ein Fall für Anja Gronau. Denn die Regisseurin hat sich auf dramatisches Personal mit derartigem Unschärfe-Appeal spezialisiert. Und weil sich das wahlweise barmende, hingebungsvolle, empfangende und/oder porentief reine Damenfach gemeinhin ergiebiger gestaltet als die männliche Handlungsstreber-Schublade mit ihren Fäusten und Mephistos, hat Gronau bereits eine Trilogie der klassischen Mädchen kreiert: Aus Goethes „Faust“, Kleists „Käthchen von Heilbronn“ und Schillers „Jungfrau von Orleans“ destillierte sie Monologe, die das Theater unterm Dach im Prenzlauer Berg – beginnend mit „Grete“ – ab dem 21.3. wieder zeigt. Gronau pfropft dem klassischen Material behutsam eigene Texte auf, so dass gestriger Nachtgebets- oder Spinnradstaub mit entsorgt wird, und ist damit so erfolgreich, dass sie die frauenbiografische Sparte um reale historische Persönlichkeiten erweitert hat: Kommenden Donnerstag (20 Uhr) feiert im Theater unterm Dach ihre Inszenierung Rosa Premiere. Drei Schauspielerinnen leuchten die Facetten Rosa Luxemburgs aus und wollen dabei auch – quasi tagesaktuell inspiriert – über Substanz und Gegenwart der Kategorien Humanismus und Solidarität nachdenken.

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