SPIEL Sachen : Mein Brauch gehört mir

Christine Wahl freut sich auf eine allerletzte 68er-Gedenkveranstaltung - und auf eine äußerst vielversprechenden Performance.

Christine Wahl

Mit Jahresende sind die 68er-Gedenkveranstaltungen eigentlich erschöpfend abgefeiert. Doch kurz vor Toresschluss kommt jetzt mit Thorsten Trimpops Doku-Theaterabend Alles wird anders. Eine utopische Erinnerung noch einmal ein vielversprechender Beitrag aus der Hamburger Kampnagelfabrik in die Sophiensäle (16. bis 18. 12., 20 Uhr). Trimpop – von Haus aus Filmregisseur – konfrontiert den „Summer of Love“ mit den gnadenlosen politischen Vorgängen in der Tschechoslowakei. Der Oppositionelle Václav Trojan, der die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 miterlebte, wird ebenso auf der Bühne stehen wie die Zwillinge Gisela Getty und Jutta Winkelmann, die über ihr ereignisreiches Leben im Dunstkreis von Bob Dylan, Dennis Hopper und Co. bereits in ihrem Buch „Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen“ Zeugnis ablegten.

So stehen sich die komplett verschiedenen Lebenswelten zweier Systeme gegenüber. Ihn habe vor allem interessiert, sagt Trimpop, wie Erinnerung funktioniert und wie der Mensch seine Autobiografie konstruiert. Václav Trojan blieb damals in Prag. Sein im Theater nur per Video präsenter Freund Ivan Hartl hingegen, der im August 1968 zufällig auf Studienreise in Israel war, kehrte – aus Angst, sofort verhaftet zu werden – gar nicht erst zurück und lebt seither in London. Trimpop zeichnet die Lebenswege dieser vier Zeitzeugen bis ins Heute nach. Trojan, der inzwischen als Computerprogrammierer arbeitet, macht sich in seinem Abschlussmonolog über die Differenzen menschlicher und künstlicher Intelligenz und Erinnerung Gedanken. Gisela Getty referiert übers Älterwerden und ihre Schwester Jutta Winkelmann über Liebe und Liebesunfähigkeit.

„Wir waren damals so etwas wie die Ur-Girlies“, meint Winkelmann. „Frauen, die nicht tradierte Wege gehen wollten und sich auch das Recht auf Selbstherrlichkeit nahmen, das bis dahin eher den Männern vorbehalten war.“ Recht auf Selbstherrlichkeit: klingt nach einer äußerst vielversprechenden Performance.

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