SPIEL Sachen : Mein Star, der Steuerberater

Neben den bekannten Hochkultur- und freien Szene-Bühnen boomt derzeit auch das Berliner Bürger- und Kieztheater. Christine Wahl freut sich über den Erfolg.

Christine Wahl

Häuser wie das Weddinger PrimeTimeTheater mit seiner lustigen Nachbarschaftssoap „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ haben sich etabliert. Ein spezieller Fall ist die Jugendtheaterwerkstatt Spandau. Nirgends sonst dürfte Theaterarbeit so basisdemokratisch funktionieren wie hier im Falkenhagener Feld, einer Hochhaussiedlung am Rand des Stadtbezirks, wo die Nachbarn persönlich zur Kunst eingeladen und lediglich mit einer Minisumme zur Kasse gebeten werden.

Auf der Bühne stehen statt ausgebildeter Schauspieler ebenfalls Menschen aus der näheren und ferneren Nachbarschaft. Und tatsächlich jeder, der Lust hat, schwört der Theaterpädagoge Hartmut Schaffrin, darf mitmachen, vom 4-jährigen Vorschüler bis zur 80-jährigen Rentnerin. Vorausgesetzt, er hat drei- bis viermal die Woche Zeit und Energie zum intensiven Proben. Heute Abend, wenn im Theater an der Parkaue (19 Uhr) unter der Regie von Carlos Manuel eine Ensemble-Adaption des Kafka-Roman-Fragments Amerika Premiere hat, werden sich von der Lehrerin bis zum Steuerberater, vom Tischler bis zum Hartz-IV-Empfänger sämtliche Berufs- und Einkommensgruppen mit dem amerikanischen Traum des 16-jährigen Kafka-Helden Karl Rossmann auseinandersetzen.

Umso eindrucksvoller, dass die insgesamt 35 Hobbydarsteller auch noch fast ausschließlich veritable „Kafka-Experten“ sind, wie Schaffrin sagt. Während der Vorbereitungszeit werden die Akteure nicht nur schauspielpraktisch, sondern auch (literatur-)historisch für den jeweiligen Abend fit gemacht. Alle zwei Jahre bringt die Jugendtheaterwerkstatt Spandau, die 1987 als reines Jugendtheater gestartet war, eine große Inszenierung heraus, zuletzt „Karamasow“, einen Dostojewski-Vierstünder von fast Castorfschem Zeitumfang. Gemessen daran, wird „Amerika“ (weitere Vorstellungen: Sa 19 Uhr, Mo/Di 10 Uhr, Mi 18 Uhr) mit seinen 170 Minuten inklusive zweier Pausen eine kurze Angelegenheit.

Davon abgesehen, gibt die JTW, wo neben Manuel auch die Regisseure Ingrid Hammer und Gudrun Herrbold sowie der Bühnenbildner Fred Pommerehn arbeiten, vor Ort Kurse und arbeitet eng mit den Schulen zusammen. Die Fördersumme des Bezirksamts Spandau ermöglicht die Finanzierung zweier Teilzeitstellen sowie der Büro- und Technikkosten. Kurse und Projekte müssen von den passionierten Theaterbetreibern eigenständig finanziert werden.

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