SPIEL Sachen : Mit Mucki und Zhu am Puls der Zeit

Christine Wahl schaut in einen Pappkarton voller Plüschtiere

Christine Wahl

Erst Joachim Löws viel diskutiertes Mallorca-Casting für den ultimativen deutschen Fußball-EM-Kader, dann das Finale von Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ und natürlich die Dieter-Bohlen-Dauer-Performance „Deutschland sucht den Superstar“: Das Casting scheint – auch wenn der Begriff ziemlich anachronistisch wirkt – ein omnipräsentes Kulturformat geworden zu sein. Da wäre das Theater als ureigenes Darstellungsmedium natürlich dumm, wenn es sich diesen Boom nicht zunutze machte. Am liebsten subtil-parodistisch.

Und tatsächlich existiert es, das ultimative dramatische Berlin-Casting. Nämlich bei Andreas Walter und Ulrike Dittrich, die seit fünf Jahren unter dem Label „interpicnic“ in einem Pappkarton mit wechselnden Hintergrund-Dias die herrlich schräge Hauptstadt- Plüschtiersoap „Humana – Leben in Berlin“ präsentieren. Jeden Monat entsteht eine neue Folge, wobei von Beginn an das weiße Plüschschwein Ralf im Mittelpunkt steht, das uns gemeinsam mit illustren Soap-Kollegen wie der Hasensachbearbeiterin mit Rüschenkragen, der Sozialarbeiter- Schildkröte oder dem Bärenvater im Kunstlederanzug bereits weithin identifikationstaugliche Schicksalslagen nahegebracht hat. Man denke nur an die vielen Berufskrisen („Ein Job für Ralf“), Ödipalkonflikte („Vater, es reicht!“) oder Beziehungsclinchs („Gabi macht Schluss“)!

Dabei entstammt sämtliches Personal der Schmusetiersoap dem sorgfältigen Casting in Second-Hand-Läden oder Kleiderkammern. Gelegentlich laden Walter und Dittrich auch zum öffentlichen Wettbewerb um attraktive Haupt- und Nebenrollen. Dann können Zuschauer ihre eigenen, sorgfältig gekleideten und gebürsteten Plüschigel, -hunde, -elche und -affen ins Rennen schicken. In der aktuellen Folge 47 Ralf und das Reich der Mitte (heute, 6.6., 21 Uhr in der Kreuzberger Galerie ZeitZone, Adalbertstraße 82) sind wieder einige vielversprechende Neuzugänge zu bewundern. Als besonders talentiert gilt zum Beispiel das Mucki, ein süddeutscher Strickbär, der als Kinderbreifirmenbesitzer Hipp firmiert. Möglicherweise weiß er ja auch Neuigkeiten von den Milchstreitereien zu berichten. Denn „Humana – Leben in Berlin“ bewegt sich dramaturgisch stets vorbildlich am Puls der Zeit, egal, ob es gerade um den Kirchentag, die Telekom-Affäre oder das Tempelhof-Volksbegehren geht. Freuen darf man sich in der aktuellen Folge außerdem auf den kommunistischen Abgeordneten Zhu – ein Kuschelschwein, das im „Reich der Mitte“ um Wirtschafts- und Völkerverständigung wirbt.

Wie das auch immer enden mag: Man darf schon mal aus gutem Grund davon ausgehen, dass Zhu und das Mucki im globalen Casting-Wettbewerb gegen Heidis Topmodels und Bohlens serielle Superstars den Platz als Sieger verlassen werden.

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