SPIEL-Sachen : Nie wieder Nabelschau

Die Nachwuchsregisseurin Anne Gummich politisiert mit Shakespeares Richard III. Der intrigante Karrierist als Spiegel ihrer scheinbar verharrenden Generation.

Christine Wahl

BerlinGute Nachrichten zu Saisonbeginn: Der Theaternachwuchs unterwirft sich mit kritischen Stirnfalten der Selbstanalyse – und entkräftet dabei auch noch lässig sämtliche Pisa-Vorurteile. Zumindest im Theater unterm Dach: Hier greift die Regisseurin Anne Gummich – 1982 in Jena geboren – auf einen echten bildungsbürgerlichen Kanon-Klassiker zurück, um ihrer eigenen, „in scheinbarer Stagnation verharrenden Generation“ auf den Zahn zu fühlen. Richard III heißt der dramatische Held der Stunde, Shakespeares buckliger Intrigant und gnadenloser Karrierist, der an seinen eigenen Intrigen zugrunde geht. Gummich knöpft sich die zeitgenössische Bearbeitung dieses Stoffes durch den französischen Dramatiker Philippe Maloné vor, der den Plot in ein Unternehmen verlegt: Schauplatz des Stückes ist sozusagen der globale Markt, Richards Machtzentrum die Wirtschaft und seine Spielfelder Korruption, Stellenabbau und Bodenhaftungsverlust. „III“ heißt Malonés Stück schlicht (20.-22.9. sowie 5.-7. und 26./27.10., 20 Uhr, Danziger Straße 101).

Egal, wie das Ergebnis ausfällt: Es wird in jedem Falle erhellend sein, wie sich eine Theaterjugend, die sich sonst gern auf Nabelschau verlegt, in Beziehung zur Wirtschaftsetage setzt. Davon abgesehen, hat Liesel Dechant – die Leiterin des charmanten kleinen Theaters, die von der Projektauswahl über die Pressearbeit bis zum Kartenabreißen quasi alles im Alleingang macht – dem finanziellen Niedrigniveau zum Trotz stets ein gutes Händchen für die Nachwuchsförderung bewiesen. Regisseure wie Jan Jochymski, der demnächst wieder am Gorki inszeniert, oder Sebastian Hartmann, der am 20.9. im Wiener Burgtheater mit „Romeo und Julia“ Premiere hat, haben hier ihre ersten Schritte unternommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben