SPIEL Sachen : Party im Kinderzimmer

Jetzt, wo wieder überall die Weihnachtsdekorationen ausgepackt werden und der verordnete Besinnungsterror beginnt, wird der sensible Zeitgenosse - ob er will oder nicht - auf die Familie zurückgeworfen. Da kommen Die Lears (4.-6. 12., 20 Uhr) der 32-jährigen Regisseurin Barbara Weber, die diesen Herbst gemeinsam mit Rafael Sanchez die Leitung des Züricher Neumarkt-Theaters übernommen hat, im HAU 2 gerade recht.

Christine Wahl

 Denn das Hebbel am Ufer beweist mit dieser Familienaufstellung zur rechten Zeit, dass die gemeine Familie eher therapiebedürftig als feiertauglich ist. Shakespeares Tragödie vom altersstarrsinnigen König, der sein Reich unter den drei Töchtern aufteilt, dabei die wahre, reine Kinderliebe schnöde verkennt und lieber autoritätshörigen Lippenbekenntnissen glaubt, wird hier zu einem seifenopernaffinen Familienkrieg mit vier Kriegsteilnehmern, die zwischen blutigen Shakespeare-Szenen und familientherapeutischen Maßnahmen hin und her springen.

Letztere scheinen auch durchaus angebracht. Denn dem alten Familien-King, der bei Weber zu seiner Geburtstagsparty geladen hat, sind bedenkliche infantile Restneigungen sowie ein auffälliger Hang zur Ersatz- und Übersprungshandlung zu attestieren: Er trägt einen Mantel aus Stofftieren und foltert die herzigen Bären und Hasen an seiner Klamotte auch gern mal bis zu deren Kopfverlust. Die Töchter räsonieren unterdessen in schicken, von Papa finanzierten Kleidern über Altersheime und alles, was der gesellschaftliche Demografie-Diskurs sonst noch so zu Generationenkonflikt und -vertrag hergibt. Und weil die schräge Familienaufstellung mit Akteuren wie Sebastian Rudolph oder Anne Ratte-Polle auch noch hervorragend besetzt ist, darf man sich von diesem Anti-Besinnungsterror-Programm einiges erwarten.

Glaubt man den Feuilletons, hat die vom HAU koproduzierte Arbeit, die im Sommer bei den Wiener Festwochen herauskam, übrigens nicht nur das Zeug zum Familienkrieg, sondern auch zum gehobenen Publikumszwist. Die professionellen Zuschauer in Wien jedenfalls sahen so ziemlich alles vom "Geblödel auf hohem komödiantischen Niveau" bis zur "mageren Kinderzimmerparty".

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