SPIEL Sachen : Schimpf, Stumpf und Stil

Christine Wahl über die Abschaffung des Publikums durch sich selbst

Christine Wahl

„Sie werden hier nichts hören, was Sie nicht schon gehört haben. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon gesehen haben“: Kulturpessimisten, die in diesen Drohungen bestätigt finden, was sie insgeheim schon immer über das Theater dachten, haben sich zu früh gefreut: Peter Handkes Stück, dem sie entnommen sind, heißt Publikumsbeschimpfung, wenngleich es auch das Theater nicht besonders pfleglich behandelt. Dafür macht es seinem Titel alle Ehre: „Sie sind nicht abendfüllend. Ihr Debüt ist nicht überzeugend. Sie haben kein Gespür für das Theater. Sie lassen uns kalt.“ Es wird sicher eine Freude sein zu erleben, wie sich zwei hoffnungsvolle Off- Theater-Kräfte diesen 42 Jahre alten Text auf der Bühne des Theaterdiscounters (18.–20.1./25.–27.1., 20 Uhr) gegenseitig um die Ohren hauen. Und zwar keine Geringeren als die Gründer der Bühne selbst: Georg Scharegg und Patrick Wengenroth, die den Discounter vor fast fünf Jahren aus der Taufe gehoben hatten, spielen sich selbst, inszenieren sich gegenseitig und hauen sich lustvoll den eigenen Boden unter den Füßen weg. Es ist die letzte Aufführung in der charmanten Mitte-Spielstätte. Wie berichtet, ist der Zwischennutzungsvertrag für die Immobilie ausgelaufen (Packhalle, Monbijoustr.1); und sofern die Crew nach der Beschimpfung des Publikums noch ein solches hat, wird sie weiter nach Alternativen suchen. Vorläufiger Zwischenstand: „Dieses Theater leistete einen wirkungsvollen Beitrag zur Abschaffung seiner selbst. Dieses Theater hat die Erwartungen nicht erfüllt.“

Ob dagegen Bill Gates „abendfüllend“ sein kann? Glaubt man den enthusiastischen Kritikern, die Mathias Greffraths Windows oder: Müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen? in Hannover bejubelt haben, lautet die Antwort: ja. Überprüfbar ist das vom 17.–20.1., 20 Uhr, wenn Elias Perrigs Inszenierung mit Clemens Schick als Gates, der sich schon mal lässig mit Napoleon und Leonardo vergleicht, in den Sophiensälen gastiert (Sophienstr. 18, HH, Mitte). Sie werden dort hoffentlich etwas hören, was Sie noch nicht gehört haben!

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