SPIEL Sachen : Schönheitskur für graue Zellen

Christine Wahl

Ausstellungen, Performances und Bücher zum 20. Jahrestag des Mauerfalls hatten wir – wiewohl das Jubiläum erst im November ansteht – bereits en masse. Die Tatsache hingegen, dass 2009 auch Darwinjahr ist, hat die Bühnenzunft bisher nicht zu überbordender Evolutionsdramatik inspiriert. Jörg Lukas Matthaeis Produktion „Missing Link coop.berlin“ mit dem Berliner Theater Thikwa springt in diese Lücke: „Ziel der Aktion ist es“, so der Regisseur, „die Evolutionsguerilla zu vergrößern und mit dümmlichen Darwin-Missverständnissen aufzuräumen.“ Wenn das keine Verheißung ist!

Da Matthaei schon immer ein Freund des öffentlichen Raums jenseits klassischer Bühnensituationen war und es sich außerdem um echte Feldforschung handelt, beginnt das Evolutionslehrstück in der Oranien-, Ecke Skalitzer Straße hinter dem Imbiss „Hühnerstall“ (bis Sonntag, tägl. 19.30 Uhr). Um sich als Feldforscher zu erkennen zu geben, sollten die Zuschauer sinnigerweise eine Sonnenbrille tragen. Von einem fachkundigen Evolutionsguide werden sie sodann durch Labors, Hörstationen sowie eine „Spezialausbildung unter freiem Himmel“ geleitet, Orte, an denen die Darsteller ihr Publikum erforschen. Zum Beispiel kann es passieren, dass man von einem Darwin-fitten Experten in ein Bewerbungsgespräch verwickelt, einer sorgfältigen Anamnese unterzogen oder zu praxisnahen therapeutischen Verrichtungen geschickt wird, etwa der Hofreinigung. Die Besucher werden zudem mit einer geheimen Forschungsstation konfrontiert, die sich seit Jahrzehnten mit Botenstoffen gedopt, Parasiten beobachtet und „kommunizierende Röhren verlegt“ hat, um jetzt ultimativ zu enthüllen, „warum die Dinge so absurd schieflaufen“ und „wie einfach alles anders sein könnte“.

Diese Hoffnung scheint auch Agnes und Jerry aus Jill Emersons „Sci-FiDance-Theatre-Dokudrama“ namens „Wash me out (Gehirnwäsche)“ getrieben zu haben. Das Duo unterzieht sich im Ballhaus Ost (heute, Freitag, und Sa., 20 Uhr) einer Art Schönheits-OP für die grauen Zellen: Man gibt sich einer Gehirnwäsche hin, um seine alte Identität gegen eine neue einzutauschen. Auch, wenn es sich dabei um die ureigenste Freudianische Wunscherfüllung handelt, bleibt abzuwarten, ob sich Darwin tatsächlich so leicht mit Hightech aushebeln lässt!

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