SPIEL Sachen : Selbstgespräch der Schwadroneure

Christine Wahl entdeckt das Pathos des Monologs

Christine Wahl

Keine Frage: In der Single- und Individualistengesellschaft ist der Monolog eine grundlegende Kulturtechnik. Selbst wenn Paare und Passanten Stein und Bein schwören, sich zu unterhalten: De facto parlieren die Protagonisten – so zeigt sich ja nicht nur im Theater, sondern vor allem in der schönen Dramatik des Alltags – oft in mehr oder weniger gelungenen Suaden aneinander vorbei. Grund genug für den Theaterdiscounter, dem Genre ein viertägiges Festival zu widmen: Einzelkämpfermonologe nimmt vom 28.6. bis 1.7. sämtliche Varianten vom Klassiker à la Tschechow oder Beckett bis zur zeitgeistig-genrehinterfragenden Performance in den Blick, stellt Ausgefeiltes neben charmant Hingeworfenes, renommierte Gastspiele neben eigens erteilte Auftragsarbeiten. Tenor: „Der Monologführende ist ein Einzelkämpfer, der sich mit vollem Einsatz seinem Ziel entgegenwirft. Wir würdigen dieses Einzelkämpfertum als Pose der Kühnheit, als konkrete Tat, als Realisierung von Möglichkeiten.“ Auch wenn dieses Monologisten-Lob etwas pathetisch daherkommt, eine gute Idee ist das Festival trotzdem.

Begonnen wird am 28.6. um 20 Uhr Roman Kohnle mit Arthur Schnitzlers „Leutnant Gustl“, der beschaulich zwischen Kaserne und Caféhaus lebt, bis ihn ein ziemlich banaler Zwischenfall an den Rand des Selbstmords treibt. Sehr selbstkritisch geht später, um 22 Uhr 15, Heiko Senst mit sich und dem Genre ins Gericht. Unter dem Motto „Von wegen – Einzelkämpfer“ macht er die „kritische Masse“ – nämlich einerseits seinen Körper und andererseits das Publikum – als wahre Größen des Monologs aus. Auch Sensts Kollegin Yvonne Coetzee hat einen Grund fürs eigene Monologisieren in den anderen entdeckt: Am 1.7. um 20 Uhr fragt sie sich, warum man im Laufe seines Lebens eigentlich ständig zum Zeugen des Privatlebens wildfremder Menschen gemacht wird – natürlich ohne es zu wollen. Andreas Liebmann nimmt’s gelassener. Er hat in seinem Beitrag „Herumstehende Menschen“ (30.6.,21 Uhr 30) den wahren ästhetischen Kern aller Monologe gefunden: „Herumstehende Menschen“, so sein ultimativer Befund zum Genre, „stehen herum“. Nun denn!

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