SPIEL Sachen : Theater oder Leben!

Die neue Theatersaison bricht an. Christine Wahl gerät in die Fänge einer fiesen Frohsinnsdiktatur.

Christine Wahl

Eigentlich haben uns Georg Scharegg und seine Truppe vom Theaterdiscounter schon alles verraten, was wir über die anbrechende neue Theatersaison wissen müssen. Die goldenen Intendanten- und Dramaturgen-Vorworte, die sie kürzlich in ihrer Performance Spielplan Deutschland in den Sophiensaelen aus landesweiten Spielzeitheften zusammen montiert hatten, werden jedenfalls ab sofort auf den vergleichsweise prosaischen Bühnenprüfstand gestellt. Zur Erinnerung: Laut „Spielplan Deutschland“ dürfen fleißige Theatergänger etwa hoffen, spätestens zur Saisonmitte der Lösung eines brennenden existenzphilosophischen Problems näher gekommen zu sein, das das Hannoveraner Theater in seinem Spielzeitheft anschneidet: „Was ist wirklicher: das Theater oder das Leben?“

Nicht minder komplex waren die Spielzeit-Auftakt-Gedanken aus Hamburg ausgefallen: „Der Einzelne ist auf sich selbst zurückgeworfen. Im Zweifelsfall ist man selbst an allem schuld.“ Ob das auch für Berlin und vor allem für unsere Nachfahren im fernen Jahr 22 976 zutrifft, erfahren Fans dramatischer Science-Fiction schon in den kommenden Tagen unter dem Motto Das Blaue Meer im Ballhaus Ost (4., 5., 12. & 13. 9., 20 Uhr). Eine „das Imperium“ genannte Diktatur zwingt dort die Menschen bei Strafe ihrer Existenz, die ihnen zugeteilte „Zone“ nicht zu verlassen und der verordneten Synapsentätigkeit überdies regelmäßig mit „Gehirnreinigungsmittel“ nachzuhelfen. Falls die Droge mal versagt, sind die grauen Zellen auch noch komplett an ein Computersystem angeschlossen, das Begehrlichkeiten zentral liest und wahlweise sofort erfüllt oder aber ausradiert.

Wer sich geistreiches Theater wünscht, könnte sogar Glück haben. Denn die Regierung hat zwar alle großen und weltbewegenden Wünsche für sich selbst reserviert und dem Souverän nur die marginalen übrig gelassen, aber warum sollte in der bildungsbürgerlichen Nische nicht mal wieder subversives Potenzial schlummern? Die Schauspielerin Cristin König, die die düstere Utopie in der Tradition von George Orwells „1984“ auf die Bühne bringt, versammelt jedenfalls – live oder per Video – so namhafte Kollegen wie Anne Tismer oder Robert Hunger-Bühler.

Im übrigen bleibt für die neue Theatersaison natürlich zu hoffen, dass die Hamburger Recht behalten: „Im Zweifelsfall ist man selbst an allem schuld“ – ob als Regisseur, Schauspieler oder Zuschauer. Bloß keine kollektive Hirnlähmung!

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