SPIEL Sachen : Theaterblut tut gut

Christine Wahl ist in den Ferien dem Mörder auf der Spur

Christine Wahl

Einige freie Szene-Enthusiasten und Sommertheater-Spezialisten halten tapfer die Stellung in der Stadt. Manchmal ergibt sich dabei sogar die Gelegenheit, dramatisch komplett unterrepräsentierte Berufsgruppen endlich ins gebührende Licht zu rücken. Zum Beispiel den gesamten Polizeidienst inklusive Mordkommission und Privatdetektei: eine Spezies, auf die sich mit dem Berliner Kriminaltheater (im Umspannwerk Ost, Palisadenstraße 48) sogar eine ganze Spielstätte kapriziert hat. Die Rehabilitation erfolgt dabei vor allem anhand von Agatha-Christie-Klassikern.

So muss der Pfarrer Clement aus St. Mary Mead beim „Mord im Pfarrhaus“ (20./21./23./26./27.7.) erschüttert feststellen, dass bei Weitem nicht all seine Nächsten imstande sind, Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung auseinanderzuhalten. Clements lustig hingeworfene Empfehlung, den nervigen Colonel Protheroe aus der Welt zu schaffen, wurde jedenfalls von einem Zeitgenossen bitter ernst genommen.

Und schon schlägt die Stunde der Miss Marple – wie auch das ermittelnde Gewerbe später in Mollie und Giles Ralstons frisch eröffneter Pension alle Hände voll zu tun hat. Schließlich führt die Spur eines Frauenmörders geradewegs in dieses Ambiente, das, nicht ganz passend zur Jahreszeit, infolge heftiger Schneefälle für Opfer wie Täter bald zur titelgebenden „Mausefalle“ wird (28./29./31.7.).

Wer die Agatha-Christie-Klassiker schon kennt und mehr suspense braucht, kann sich seinen Krimi im Improvisationstheater Bühnen-Rausch in Prenzlauer Berg (Erich-Weinert-Straße 27) selbst zusammenbasteln. Unter dem Motto „MordArt – Der Improkrimi“ (28.7.) darf das Publikum basisdemokratisch Opfer sowie sämtliche weiteren Rollen festlegen. Der Täter wird in geheimer Auslosung auf der Bühne ermittelt. Und schon kommt der gerissene Ermittler zum Zug. In der Pause gönnt die Impro-Truppe Paternoster dem Publikum eine exklusive Besichtigung der drei Hauptverdächtigen; Hobbykriminalisten dürfen einschlägige Tipps abgeben.

Ob der Mordfall genauso mysteriös ist wie der, dem die Detektivin Esther Glick im Jüdischen Theater Bamah (21.7.) auf der Spur ist, hängt also nicht unwesentlich vom kreativen Potenzial der Zuschauer ab. Besagte Ermittlerin jedenfalls schlägt sich in „Die mörderische Affäre der jüdischen Detektivin Esther Glick“ wie jeder gute Tatort-Kommissar zuallererst einmal mit der Frage herum, ob sie es überhaupt mit einem Mordfall zu tun hat. Als nächstes kommt ein seltsamer Fisch ins Spiel, der beim Opfer – einer reichen Witwe – aufgefunden wurde.

Man sieht also: Brechts Publikums-Anranzer „Glotzt nicht so romantisch!“ behält auch in den Theaterferien seine Berechtigung. Gefragt ist der mitdenkende Zuschauer!

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