SPIEL Sachen : Voll krass der Zauberwald

So sieht Weddinger Chic aus: Vokuhila, Hüfttuch, Dekolleté: Christine Wahl staunt über eine Klassiker-Adaption.

Christine Wahl

Wer hätte gedacht, dass in Hermia und Helena echte Wedding-Tussis stecken? Und im Elfenkönig Oberon ein stattlicher Vokuhila-Träger, der – sobald sein ganz persönlicher „Mittsommernachtstraum“ vorbei ist – wieder die Post austrägt, während seine sächselnde Angebetete Titania unter dem bürgerlichen Namen Heidemarie Schinkel auf den Chefinnensessel des Weddinger Arbeitsamtes zurückkehrt?

Das stadtbezirkseigene Prime Time Theater (Müllerstraße 163b) hat die Figuren aus seiner Bühnen-Sitcom Gutes Wedding, schlechtes Wedding, kurz: „GWSW“, in Shakespeares „Sommernachtstraum“ verstrickt und schlüssig bewiesen, dass sich elisabethanische Athener ohne jegliche Anzeichen hochkultureller Irritation im Berliner Wedding sofort heimisch fühlen können. Zumindest, wenn man den Stücktitel lässig in Eine Sommanachtstaraum (1.-5.8. & 8.-12.8., jeweils 20.15 Uhr) umbenennt und Shakespeares Werken einen immensen Trashfaktor unterstellt. Mit lila Kunstsamtkleidchen, überschaubarem Wortschatz und unglaublich hoher Tonfrequenz irren Hermia und Helena – die Frontfrauen der GWSW-Teenie-Band Die Friedrichshainis – durch den denkwürdigen Zauberwald, in dem ein schusseliger Kobold namens Puck unkontrolliert mit einem hochprozentigen Aphrodisiakum um sich träufelt und dabei versehentlich die romantikfreie These von der absoluten Beliebigkeit des Sexualobjekts beweist. Für hochkulturelle Binnen- und Diskursanbindung sorgen die „Prenzlwichser“, indem sie – stellvertretend für Shakespeares Handwerker – das Drama von Pyramus und Thisbe einstudieren.

Bei der Premiere war ein Gesamtkunstwerk von wahrhaft seltenen Gnaden zu besichtigen: Das Ensemble – fünf Darsteller in ungefähr fünfzehn Rollen – hatte im Anschluss an die Aufführung zur Kostümparty geladen. Und tatsächlich ließen sich haargenau die gleichen Vokuhila-Perücken, dekolletierten Kleider und semi- transparenten Hüfttücher, die man auf der Bühne bewundert hatte, nahezu eins zu eins im Zuschauerraum auffinden. Unkostümierte befanden sich in verschwindender Unterzahl. Wenn es im Wedding auf diesem Identifikations- und Interaktionslevel weitergeht, können sich die restlichen Anbieter des wieder aufstrebenden Genres „Mitmachtheater“ für die nächste Saison schon mal warm anziehen.

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