SPIEL Sachen : Von Höhlen und Ehehöllen

Christine Wahl

Wir hatten das TV-Duell, diverse Kanzlerinnen- und Kandidatenporträts, die dunkelrot-gelb-grüne Fragestunde – und es hat alles wenig genützt. Trotzdem will sich auf den letzten Metern vor der Bundestagswahl auch das Theater nicht lumpen lassen und verspricht Entscheidungshilfe. Durchsichtige Oberflächenreflexe sind allerdings tabu, wenn Georg Scharegg im Theaterdiscounter zur Installation „Politeia“ (heute und morgen, 21.30 Uhr) lädt. Die Performer begnügen sich jedenfalls nicht mit Wahlplakat-Prosa, sondern graben sich tief in die antike Philosophie hinein. Platons Höhlengleichnis steht Pate für einen „Frage- und Antwort- Parcours“ durch den idealen Staat im Allgemeinen und Bildung, Sport, Außen- sowie Innenpolitik vor knapp 2500 Jahren im Besonderen.

Allerdings will der Theaterdiscounter- Chef sich dann doch nicht den Vorwurf machen lassen, exklusiv in der Vergangenheit abzutauchen. Bevor in der „Politeia“ heiß debattiert wird, läuft sich das theatereigene Wahlkampfteam daher schon mal mit einem brandaktuellen Zankapfel warm: den Manager-Gehältern. An beiden Abenden ist bereits ab 20 Uhr ein Krawatten-Duo zu erleben, das mehr als den Gassenhauer „Bring back, bring back, oh bring back my Boni to me“ aufzubieten hat. Unter dem Motto „Business Class“ hat Scharegg nämlich die gleichnamigen Kolumnen des Schweizer Autors Martin Suter dramatisiert: Ein Parcours durch betriebseigene Hierarchien und „die Sinnlosigkeit von Management- Instrumenten“, so der Regisseur. Ein Manager übertrage da beispielsweise das innerbetriebliche Kommunikationsmodell nahtlos auf die heimischen vier Wände und bitte seine Gattin zwecks Eheoptimierung zu „Qualifikationsgesprächen“. In einer anderen dieser kurzen, pointierten Geschichten denkt ein Kollege laut über sämtliche Möglichkeiten nach, sich unsichtbar zu machen, um der Evaluierung zu entgehen. Neben der Vermeidung des Toiletten- bzw. Kaffeeautomatengangs wäre doch eigentlich auch die Flucht ins Wahllokal eine Option.

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