SPIEL Sachen : Wir sind auf Odyssee

Christine Wahl über Jugendliche, die ihre Probleme hinter sich lassen.

Christine Wahl

Er habe einen gewaltigen „Zwist mit dem Diesseits“ auszutragen, erzählt David Pakzad, ein Berliner Jugendlicher. „Als ich geboren wurde, verknotete sich meine Nabelschnur. Dann fiel ich von Balkons, aus Einkaufswagen, rannte gegen Wände, dass das Blut nur so troff, und rammte meinen Schädel in Heizungen.“ Seine Mitspielerin Astrid Pendarvis schildert, wie sie immer wieder von zu Hause abgehauen und im Heim groß geworden ist. Eine andere junge Frau, Janine Quaeger, denkt laut darüber nach, warum sie sich ständig selbst ausbremst.

„Weg“ heißt das neue Projekt der Jugendtheatergruppe Die Zwiefachen in der Schaubühne (5./6.7., 19.30 Uhr und 7./13.7., 20.30 Uhr). Auf der Folie von Homers „Odyssee“ erzählen, spielen und tanzen die Jugendlichen – sozial benachteiligte Teens und Twens – eigene, verschlungene und oft nicht leichte Lebenswege. Als Reisende durchqueren sie sozusagen persönliche Schlachtfelder, erleben Väter als Kannibalen und Pädagogen als Zyklopen.

Anfangs hätten die Jugendlichen die „Lebensmuster“ aufgeschrieben, in denen sie gefangen sind, sagt Uta Plate, die seit 1999 als Theaterpädagogin an der Schaubühne arbeitet und die Zwiefachen gegründet hat. Von diesen Texten ausgehend, entstand Schritt für Schritt die Theaterproduktion. Es ist schon die zehnte der Truppe, die jeden Sommer eine neue Arbeit am Lehniner Platz herausbringt. Diesmal, so Plate, wird vor allem viel über Bilder und Choreografien erzählt. Zurzeit besteht das Ensemble aus sieben Mitgliedern. „Jugendliche, die vier Kilo mehr auf dem Rücken haben als andere“, nennt Plate ihre Schützlinge. Die meisten kommen aus betreuten Wohnprojekten.

In einem anspruchsvollen, aufwendigen Auswahlprozess haben sich die Zwiefachen mit ihrem Stück „Weg“ für das internationale Theaterprojekt „Contacting the World“ in Liverpool qualifiziert. In der Jugendtheaterbranche, sagt Plate, sei das „so wie bei der WM dabei zu sein“. Nach den Vorstellungen in der Schaubühne wird die Truppe also nach Nordengland reisen und dort auf ihr vorher zugelostes Partnerensemble vom Aarohan Theatre aus Katmandu (Nepal) treffen. Das Festival befördert quasi auf höchst gegenständliche Weise den internationalen Kulturaustausch. Zwar erarbeitet jede Gruppe ihr eigenes Stück, lässt sich dabei aber auch von Methoden, Themen und kulturellen Traditionen des Partnerteams inspirieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben