SPIEL Sachen : Wir streiken nicht!

Christine Wahl über Lokführer, die ihr eigenes Musterland errichten

Christine Wahl

Am Schauspiel Stuttgart war Claus Peymann neulich in einer Paraderolle zu erleben. „Sie Arschloch!“, grinste er von einer Leinwand. Und: „Du Pestbeule!“ Dann fuhr der Intendant des Berliner Ensembles in einer schönen Mischung aus Stolz und Belustigung fort: „Mörderische Drecksau!“ Er las Briefe an ihn selbst; geschrieben vor dreißig Jahren von erbosten Bürgern. Peymann – seinerzeit Schauspielchef in Stuttgart – hatte einen Spendenaufruf für die zahnärztliche Behandlung der in Stammheim inhaftierten Gudrun Ensslin ans weiße Brett für betriebsinterne Ankündigungen hängen lassen und selbst etwa hundert D-Mark gespendet. Die Folge war – unter anderem – eine ganze Aktenordner füllende Briefflut.

Helgard Haug und Daniel Wetzel vom Regiekollektiv Rimini Protokoll haben die Ordner im Rahmen des Deutschen- Herbst-Schwerpunktes „Endstation Stammheim“ am Stuttgarter Theater wieder geöffnet und die Schmähbriefe unter dem Motto „Peymannbeschimpfung“ vom Adressaten selbst per Videoeinspielung lesen lassen. Wer kann, sollte für diesen Abend wirklich nach Stuttgart reisen; zum Beispiel am 13.10. oder 16.11.

Immerhin handelt es sich um die einmalige Chance, Claus Peymann als eifrigen Mitstreiter des postdramatischen Theaters zu erleben, zu dem er – wenn wir das jetzt alles richtig verstanden haben – nicht direkt in inniger Liebe entbrannt ist. Zur Reisevorbereitung kann man denn auch noch einmal den Abstand vermessen, der Peymann und Rimini Protokoll normalerweise trennt. Das BE gibt’s ja bekanntlich immer, aber das Regiekollektiv in Berlin leider nicht. Umso günstiger, dass es jetzt im Oktober gleich zweifach mit ihren dokumentarischen, von „Experten des Alltags “ getragenen Arbeiten im HAU 2 vertreten ist.

Erst zeigt Stefan Kaegi noch einmal seine charmante Arbeit „Mnemopark“ (10. bis 13.10., 20 Uhr), die am Theater Basel mit Schweizer Hobby-Modelleisenbahnern entstand. Die Mitglieder der „Modulbau-Freunde Basel“ bauen eine Modell-Schweiz auf, die mittels einer in der Lok integrierten Kamera auf eine Leinwand übertragen wird. So verdoppelt sich das Ideal-Ländli im großformatigen Film, der live vorm Zuschauerauge entsteht und die Dehnbarkeit von Begriffen wie Dokumentation, Fiktion und Realität ausgesprochen witzig vorführt.

Ende des Monats ziehen dann Kaegis Kollegen Helgard Haug und Daniel Wetzel – ebenfalls im HAU 2 – mit ihrer dokumentarischen Annäherung an „Karl Marx – Das Kapital, erster Band“ nach (30.10. bis 2.11., 20 Uhr), die dieses Jahr mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. Vom Wirtschaftstheoretiker Thomas Kuczynski ist dort zu erfahren, dass man für eine erkenntnisorientierte Lektüre allein des ersten Bandes ein vollständiges Arbeitsjahr veranschlagen müsse; sechs Wochen Urlaub inklusive. Um vorauseilende Befürchtungen zu zerstreuen: Die Vorstellung dauert trotzdem nur zwei Stunden. Denn Haug und Wetzel geht es weniger um Marx-Exegese als um Menschen, die mit Kapital zu tun haben. Wie Ulf Mailänder, Koautor bei den Autobiografien der Pleitiers Jürgen Schneider und Jürgen Harksen, oder den ehemals glücksspielsüchtigen Elektroniker Ralph Warnholz.

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