SPIEL Sachen : Ziele ohne Grenzen

Christine Wahl sucht nach Vampiren und anderen sozialen Theorien

Christine Wahl

Die Wahl des falschen Urlaubsortes kann tödlich sein. Zumindest bei Neville Tranter’s Stuffed Puppet Theatre. Der arglose Torwald, der mit seiner Teenie-Tochter Inger einen abgelegenen Campingplatz angesteuert hat, findet sich jedenfalls bald auf Blutsaugerpartys wieder. Der Comedy-Thriller „Vampyr“ im Kesselhaus der Kulturbrauerei (20./21.10., 20 Uhr) gehört zu den zahlreichen Gastspielen des internationalen Festivals „No Limits“ vom 17.–27.10. Schon zum dritten Mal treffen sich unter diesem Motto an die 200 Künstlerinnen und Künstler aus neun europäischen Ländern, die ihren Schwerpunkt auf die integrative Theaterarbeit mit Behinderten gelegt haben.

Zum Auftakt des elftägigen Programms wagt sich das Tanztheater „Alice in den Fluchten“ (17. bis 19.10, 20 Uhr) der Berliner Truppe Rambazamba in der Kulturbrauerei weit in existenzielle Abgründe vor. Als einer der Festival-Höhepunkte darf gleich am nächsten Tag die von Sidi Larbi Cherkaoui choreografierte Tanzperformance „Myth“ vom Toneelhuis Antwerpen mit Ensemblemitgliedern des integrativen Theaters Stap im HAU 1 gelten (18. bis 20.10., 19 Uhr 30). „Myth“ verbindet katholische Gesänge, westliche Mythen und japanische Mangas zu einem vertanzten Warteraum zwischen grauer Vorzeit und Gegenwart.

Die mit 25 Jahren dienstälteste integrative Truppe, die Compagnie de l’Oiseau-Mouche aus dem französischen Roubaix, steuert in eine völlig andere Richtung und wagt sich mit chorischen und musikalischen Elementen an die Reaktivierung von Bertolt Brechts Revolutionsdrama „Die Mutter“ nach Maxim Gorkis gleichnamigem Roman. „Die Lektion, die uns dieses Stück erteilt, geht über den historischen Kontext und die dialektische Form hinaus“, ist sich der Regisseur Francoise Delrue sicher und wartet mit einer astreinen Kampfansage auf: „Das Scheitern des Kommunismus rechtfertigt noch lange nicht den uneingeschränkten Kapitalismus.“ Wem das zu lehrstückhaft ist, der wird vielleicht bei „The Fool on the Hill“ vom Zürcher Theater Hora im Ballhaus Ost (23. 10., 20 Uhr) seine Freude haben: Frei nach dem legendären Zeichentrickfilm „Yellow Submarine“ stürzen sich die Akteure in Yoga-Lektionen, gefährliche Begegnungen mit fliegenden Handschuhen und weitere Abenteuer im Pfefferland.

Und das Isole Comprese Teatro aus Florenz schließlich liefert so etwas wie den theoretischen Überbau für das gesamte Festival. In „Fundamente der Defektologie“ in der Kulturbrauerei (25.10., 20 Uhr) setzt es sich mit der Theorie des Psychologen Lew Wygotski auseinander. Er ging von der These aus, dass der Mensch nicht „behindert“ ist, sondern erst wird – von seinem sozialen Kontext.

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