Kultur : Spielarten der Liebe

Theatertreffen: Kerr-Preis für Julischka Eichel

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Sie ist 26, spielt in Tilmann Köhlers Weimarer Inszenierung von Ferdinand Bruckners „Krankheit der Jugend“ das Mädchen vom Lande namens Lucy und studierte an der Berliner Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“: Zum gestrigen Abschluss des Theatertreffens erhielt Julischka Eichel den mit 5000 Euro dotierten Alfred-Kerr-Darstellerpreis für ihren ersten Auftritt an einer staatlichen Bühne. Eine echte Debütantin: Das gab’s noch nie in der 13-jährigen Geschichte des Nachwuchs-Darstellerpreises, den Judith und Michael Kerr, die Kinder des großen Theaterkritikers, gemeinsam mit der Pressestiftung Tagesspiegel gestiftet haben – als Auszeichnung für die überzeugende Leistung eines jungen Schauspielers oder einer jungen Schauspielerin in einem Gastspiel des Theatertreffens.

Alleinige Jurorin war diesmal die Film- und Theaterschauspielerin Martina Gedeck. In ihrer Laudatio bei der Preisverleihung im Haus der Berliner Festspiele zitierte Gedeck zunächst eine Nachwuchs-Hommage des Preisnamensgebers. Da tritt, in einer Kritik von Alfred Kerr aus dem Jahr 1932, eine junge Schauspielerin nach vorn, „mit Anmut, unbekümmert, unversehrt, unbefangen. Als wäre kein Publikum da. Dies ist der Weg. Ein Gesicht hat sich auch. Also.“

Weiter würdigte Martina Gedeck das Spiel von Julischka Eichel als außergewöhnlich: „Ihre Lucy (das Mädchen Lucy liebt Herrn Freder, der sie benutzt und schließlich auf den Strich schickt) ist von verstörender Unmittelbarkeit. Mit Leichtigkeit und Virtuosität lässt diese Schauspielerin alle Spielarten der Liebe kaleidoskopartig vor den Augen der Zuschauer aufscheinen. Schier unerschöpflich scheint ihre schauspielerische Fantasie, mit der sie das Zentrum, das Wesen ihrer Lucy zum Leuchten bringt. Ungewöhnlich groß die Spannweite, die sie dieser Figur verleiht: als Verliebte ein Kind, fassungslos erstaunt über die Wucht der Gefühle, die Besitz von ihr ergreifen, ungebärdig im Körper, von überbordender Kraft und die ganze Welt umarmend. Als Hure melancholisch-elegant, das ganze Frauenwissen im Körper, eine Frau von Welt, gänzlich von aller Welt getrennt. Sie verschafft dieser Figur Gegenwart, legt Zukünftiges an, lässt Vergangenes aufblitzen und entwickelt sie damit in die Zeitlosigkeit hinein. Ein großer Zauber ist ihr zu eigen, ein inneres Leuchten geht von ihr aus.“ Julischka Eichel sei „persönlich, aber nie privat“, ihr Spiel „geführt und gleichzeitig selbstvergessen“. Am Berliner Maxim Gorki Theater ist Julischka Eichel in dem Stück „Herr Tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem“ zu sehen.

Zur Preisverleihung war Judith Kerr aus London angereist. Die 83-jährige Schriftstellerin, die seit Jahren nicht mehr in Deutschland aufgetreten ist, sprach über Kindheitserinnerungen an ihren 1948 verstorbenen Vater und würdigte das Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ sowie Martina Gedeck in einer der Hauptrollen.

Ebenfalls zum Abschluss des 44. Theatertreffens wurde am Sonntagnachmittag im Festspiele-Haus der mit 10 000 Euro dotierte 3sat-Theaterpreis für eine „zukunftsweisende Leistung“ verliehen. Er ging an das künstlerische Team der Basler Inszenierung von „Dido und Aeneas“: Regisseur Sebastian Nübling, Bühnenbildnerin Muriel Gerstner und Lars Wittershagen (Musik).Tsp

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