Kultur : Spielball der Rauschebärte Ein Marokko-Drama

im Heimathafen Neukölln.

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Das arabische Wort Niyya bezeichnet die gute Absicht. Während ihrer rituellen Waschung sagt es sich die junge Frau vor. Diesmal, davon ist sie überzeugt, wird sie zu den Guten zählen. Als Märtyrerin. „Heute um 21 Uhr werde ich explodieren, und mit mir die Welt!“, verkündet sie über ihrer Wasserschüssel. Aber halt: Glaubt wirklich jemand, hier würden derart lauwarme Klischees aufgegossen? „Das kleine Mädchen mit der Bombe“, spottet Schauspielerin Javeh Asefdjah, was für ein billiges Abziehbild. Bitte mal die eigenen Projektionen überprüfen!

„Hadda“ heißt das Stück des marokkanischen Autors und Theatermachers Jaouad Essounani, das Regisseurin Lydia Ziemke und ihr dreiköpfiges Ensemble im Studio des Heimathafens Neukölln zur Aufführung bringen. Es ist Teil ihrer Reihe „Lila Risiko Schachmatt“, die seit 2012 im multiethnischen Kiez zeitgenössische Dramatik aus Nahost und Nordafrika vorstellt. Bis dato mit durchaus beachtlichem Ergebnis. Das syrische Stück „Rückzug“ verhandelte eine Paargeschichte im Spannungsfeld der Traditionen, das palästinensische Drama „603“ beschrieb beklemmend die Perspektivlosigkeit einer Gruppe Gefangener. Und „Hassan Leklichee“ – ebenfalls von Jaouad Essounani – verfolgte mit Fabulierlust die Odyssee eines jungen Mannes zwischen den Zeiten und Welten.

In „Hadda“ nun soll sich die Zerrissenheit Marokkos im Schicksal einer jungen Berberin spiegeln. Die wird auf eine rätselgepflasterte Via Dolorosa geschickt, bei der am Wegesrand Koransuren und Colaflaschen, Männergewalt und Marxismus aufscheinen. Regisseurin Ziemke hat ihre Inszenierung auf karger Bühne als Kollektivarbeit mit Javeh Asefdjah, Houwaida Goulli und Alois Reinhardt aufgezogen. Asefdjah, die bereits in den Vorgänger-Arbeiten der „Lila Risiko Schachmatt“-Serie gespielt hat, ist eine Wucht als wandelbare, ungreifbare Hadda: mal Konkubine eines reichen Saudis, dann Spielball von Rauschebärten. Aber stets haupterhoben im Protest gegen die Opferrolle. Allein, das Stück bleibt mit seinem assoziativen Mix aus Traditionsbeschwörung, Religionskritik und Frauen-Empowerment letztlich unzugänglich.

Bald reist es zum Austausch nach Marokko. Womöglich wird es dort besser verstanden. Patrick Wildermann

– Wieder am 22./23. Februar sowie am 1.,3. und 6. März

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