Kultur : Spiele im Mondlicht

Bodo Mrozek

Eigentlich war es ein Zufall. Wir wollten ganz normal ins Kino gehen, waren aber vorher noch in einer dieser Pizzerien, wo sie auf original-italienisch machen. Alle anderen waren auch schon da. Zehn Minuten Warten auf Sitzplätze, vierzig auf „Quattro Formaggi“, weitere zwanzig auf die Rechnung. In Sizilien wäre so was Grund genug für ein Blutbad. Hierzulande schluckt man den Ärger runter und bekommt später ein Magengeschwür.

Denn alle anständigen Kinofilme hatten nun natürlich schon begonnen. „Dirty Dancing“ im Freiluftkino kam nicht wirklich in Frage. Da blieb der Zeigefinger im Kinoprogramm hängen: Autokino in Tegel! Wenig später rasen wir nach Norden. Am Kutschi endet die Zivilisation, der Rest ist Wald. Es ist stockdunkel. Plötzlich im Scheinwerferlicht ein Schild. Einige Kilometer Feldweg, dann ragt eine Leinwand steil in den Nachthimmel. Man zahlt ein paar Münzen. Ein Faktotum schleppt Bier und einen Lautsprecher herbei, aus dem markerschütternde Schreie gellen. Ein Vampirfilm!

Auf der Leinwand brodelt Nebel. Dahinter, in echt, bricht fahles Mondlicht durch die Wolken. Kommen die Schreie aus dem Film? Oder etwa aus dem Wald? In den Wagen rücken sie zusammen. Ein Auto wackelt. Früher, in den geburtenstarken Jahren, hatten die Autos durchgängige Vorderbänke. Dann erfand man ergonomische Einzelsitze. In unmittelbarer Folge starben die Autokinos aus, was mittelbar zum so genannten Methusalemkomplex führte. Denn so viel ist klar: Autokinos wurden nicht fürs Filmezeigen erfunden.

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