Kultur : Spiele ohne Männer

MANUEL BRUG

Anna Teresa de Keersmaekers erste Oper: "Blaubarts Burg" in BrüsselVON MANUEL BRUGDie Frau, die fragt, die wissen will.Einmal nicht das Seelchen und auch nicht der Vamp, prototypische weibliche Projektionsfiguren einer Männerwelt der Jahrhundertwende, sondern die analytische, aufbegehrende Frau.Judith möchte Auskunft über des Vorleben ihres neuen Gatten Blaubart.Also holt er die Gattinnen-Leichen aus dem Keller, öffnet die sieben Türen.Danach ist Judith auch nicht glücklicher: Jetzt weiß sie Bescheid, ihrekaum geschlossene Ehe ist kaputt.Doch sie ist nicht Henrik Ibsens Nora, die geht, die Emanzipation wagt.Judith fügt sich, wird eine ihrer verschwundenen Vorgängerinnen.Blaubart, dem die Sympathien seiner männlichen Erfinder gelten, ist nach Beseitigung der Inquisitorin wieder allein: "Nacht bleibt es nun ewig, ewig." Béla Bartóks einzige, 1911 komponierte und 1918 vor einer desillusionierten Nachkriegsgesellschaft uraufgeführte Oper, kaum eine Stunde lang, in der äußerlich so gut wie nichts passiert, sie steht immer noch rätselhaft knapp da; herb und klangüppig, raffiniert und geradlinig, zwischen Symbolismus und Expressionismus changierend. Männer und Frauen sind verschieden, der ewige Kampf der Geschlechter, nur noch müde, kaum mehr aggressiv: das hat 1977 schon Pina Bausch in ihrer berühmten Bartók-Variation zum Thema gewußt und ihre Kombattanten mit Hilfe eines immer wieder angehaltenen, zurück- und vorgespulten "Blaubart"-Tonbands in den Gefühls-Clinch geschickt.Diesen Sommer wird sie die vollständige Oper, mit Pierre Boulez am Pult, in Aix-en-Provence inszenieren.Vorher hat sich jetzt die flämische Choreographin Anne Teresa de Keersmaeker für ihr Operndebüt eben dieses Stück ausgesucht - am Brüsseler Théâtre de la Monnaie, wo sich bald auch Trisha Brown mit Monteverdis "Orfeo" erstmals mit Musiktheater beschäftigen wird. Die Bewegungserfinderin und das singende Menschenpaar, das bald keines mehr ist: De Keersmaeker stellt das in ein sinnfälliges, doch rätselhaftes Beziehungsgeflecht aus präzisen szenischen Tableaus in Gisbert Jäkels kahlem Raum, in dem ein Flügel auf Kultiviertheit und eine Herde ausgestopft glotzenden Rotwilds auf die Natur da draußen verweist, vor der man sich abgeschottet hat.Getanzt wird kaum.Die Protagonisten, der sichtlich müde, doch vokal wandlungsfähige Blaubart des Viktor Braun und die jugendlich forsche, sopranstarke Judith der Zvetelina Vassileva, gehen die Zimmerecken aus, knien und kauern in milchig diffusem Licht, während Kwamé Ryan seinem disziplinierten Orchester beim Öffnen der Türen (wo szenisch nur Zwischenwände rauf- und runterfahren oder Licht durch Öffnungen scheint) immer üppigere, mal düster grundierte, mal aufstrahlende Klangkaskaden abverlangt.Von Zeit zu Zeit spiegeln Filmeinblendungen von Thierry de Mey, eine junge Frau und einen jungen Mann zeigend, die durch die Katakomben des Opernhauses zu irren scheinen, die Empfindungen und Visionen von Judith und Blaubart.Ein Film anstelle des gesprochenen Prologs, eine alte Frau, die einen Hund ausführt oder strickt, war dem bereits vorangegangen.Diese Greisin (Annie Henderyckx-Szikora) sitzt dann auch wirklich am Bühnenrand mit einem Mantel auf den Knien, legt diesen am Ende Judith um: Willkommen im Club der toten Ehefrauen. De Keersmaeker erklärt nicht, sie bündelt Stimmungen, lenkt diese, aber ortet sie kaum.So hält der ästhetisch geschlossene Abend voll sogartiger Wirkungen mehr Fragen als Antworten bereit.Ist die Oper doch auch nur der dritte Teil eines Bartók-Triptychons (dem schon ein, den Film ebenfalls einbeziehender Schönberg-Dreiteiler vorausgegangen war), dem zwei von de Keersmaekers älteren Balletten vorangestellt sind."Mikrokosmos" zu einer Auswahl von sieben kurzen Stücken für zwei Klaviere, führt ebenfalls einen Mann und eine Frau, den schlaksigen Oliver Koch und die spröde Johanne Saunier, zusammen.Doch hier hat sie die Hosen an, manipuliert ihn, treibt ihn dorthin, wo sie möchte.Gemeinsamkeit gibt es kaum, nur für Momente - bis er sie schultert und wegträgt.In "Quatour Nr.4", vom auf der Szene sitzenden Duke Quartet hochexpressiv gespielt, gehört das Terrain dann ganz allein vier Frauen voll unterschwelliger Erotik.Die verteidigen es unisono oder symmetrisch versetzt.Kindfrauen, Nymphen bei ihren Spielen ohne Männer.So endet dann später, was verhalten beginnt und dynamisch sich steigert, in Lethargie, Stillstand und Grau, in Einsamkeit zu zweien.Nicht unbedingt die beste weibliche Perspektive: die Ödnis der Post-Emanzipation.

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