Kultur : Spielen ist Gift

Leben in Schwarz-Weiß: „Lushins Verteidigung“ nach Vladimir Nabokovs Schach-Roman

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Schach: das Königsspiel. Null Prozent Zufall, hundert Prozent Berechnung. Jeder Zug im Dienste eines höheren Plans. Figuren müssen geopfert werden auf dem Weg zum Sieg. Die Menschen: nur Spielfiguren. Geworfen in Konstellationen, die sie nicht bestimmen. Was aber, wenn der Spieler, der Mastermind, die Regeln verletzt, das Ziel aus den Augen verliert und schließlich abtritt? Was, wenn der Gott, der das Spiel lenkt, nicht tot ist, sondern durchdreht?

Wer einmal begonnen hat, im Kopf die Züge des Gegners vorauszuberechnen, der kann wahnsinnig werden. Das Gehirn, wenn es zu heiß läuft, verknotet sich. Stefan Zweig hat in seiner „Schachnovelle" einen solchen Fall des Spiel-Wahnsinns beschrieben. Vladimir Nabokovs ein Jahrzehnt früher entstandener Roman „Lushins Verteidigung" zeigt eine ähnlich existenzielle Bedrohung durch zu intensives Spiel. Nicht so sehr - wie bei Zweig - als Parabel einer politischen Opposition, als hoffnungsloser Widerstand gegen einen übermächtigen Gegner, sondern als Lebensanordnung, als Ersatzleben im begrenzten Raum der schwarz-weißen Felder.

Lushin, das Schach-Genie, das bei einem Schachwettbewerb in der Schweiz seinen spielerischen Grenzen und seiner ersten großen Liebe begegnet, ist im Roman Nabokovs alter ego: Ein kränklicher Junge, der im St. Petersburger Elternhaus aus Einsamkeit seine Leidenschaft für das Spiel entdeckt, der lieber in selbst konstruierten Welten lebt als im kalten Leben. Die Sehnsucht des exilierten Schriftstellers Nabokov nach seiner verlorenen Heimat legt den Moll-Ton darüber.

Marleen Gorris Verfilmung hat Nabokovs Parabel die Obertöne genommen, hat sie gradliniger und damit spannender gemacht. Sie setzt auf die strahlende Schönheit des Settings am Comer See, auf die düstere Melancholie der Rückblenden in das winterliche St. Petersburg (gedreht in Budapest), die elegante 20er-Jahre-Welt und, vor allem, auf die starke Präsenz ihrer Darsteller: John Turturro gibt dem Schachkünstler Lushin eine Leichtigkeit, eine fanatische Unbotmäßigkeit, die sich über alle Konventionen hinwegsetzt und bei aller Weltfremde unendlich liebenswürdig bleibt. Emily Watson ist ihm als höchst moderne Natasha eine endlich mal nicht leidende Sparring-Partnerin.

Mag auch in den Randfiguren der ehrgeizigen Mutter und des diabolischen Lehrers die Zeichnung zu schwarz-weiß geraten sein, so trägt die Anziehung zwischen den Hauptdarstellern durch manche Schwachstelle. Spätestens, wenn im Showdown der letzten, überhitzten Grand Partie die ganze Dynamik des Schachspiels zum Zuge kommt, sind nicht nur Schach-Fans fiebrig gefangen. Dass das Spiel über das Leben siegt: Das ist nicht nur Lushins Tragik, sondern auch die eines Films, der zu sehr auf die Ausmalung eines wirklichkeitsgetreuen Lebensbildes gesetzt hat. Christina Tilmann

In Berlin nur in der Kurbel

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