"Spielen" von Karl Ove Knausgård : In der Form seines Lebens

Der Kampf geht weiter: Karl Ove Knausgård legt mit „Spielen“ den dritten Band seiner Romanautobiografie vor.

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Ganz so leicht möchte es Karl Ove Knausgård seiner Leserschaft auch nicht machen. Ein paar reflektierende Sätze über das Wesen der Erinnerung, die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, die müssen schon sein – auf dass der Leser eine gewisse Unsicherheit verspüre und überlege, ob der 1968 geborene norwegische Schriftsteller sein Leben tatsächlich eins zu eins aufschreibt, es sich also literarisch ein weiteres Mal gewissermaßen aneignet. Ja, und ob es zwischen dem realen Knausgård-Leben und jenem, wie es sich in seinen Büchern darstellt, nicht doch einen fiktiven Raum gibt.

Weshalb Knausgård zu Beginn seines jüngsten, von seinem deutschen Verlag als „Roman“ bezeichneten Buch „Spielen“ das Gedächtnis erst einmal als „pragmatisch, hinterhältig und listig“ charakterisiert. Das aber immer in einem opportunistischen Sinn, wie es seinem jeweiligen Besitzer gefällt: „Manches verschiebt es ins leere Nichts des Vergessens, manches verdreht es bis zur Unkenntlichkeit, manches versteht es galant falsch, manches, und dieses manche ist so gut wie nichts, manches bleibt ihm scharf, glasklar und korrekt in Erinnerung. Doch zu entscheiden, was korrekt in Erinnerung bleiben soll, ist dir niemals vergönnt.“

Das hindert Knausgård nicht, diese Entscheidungen zu treffen. Denn in einer Tour bedrängen ihn, der die „Recherche“ von Marcel Proust „regelrecht verschlungen“ hat, die unwillentlichen Erinnerungen, die in seinem Bewusstsein „wie eine Art durchsichtiger Quallen“ herumschaukeln; und auch die willentlichen, die nur darauf warten, abgerufen zu werden: „Ich muss in meinen Gedanken lediglich die Tür öffnen und hinausgehen, und schon strömen die Bilder auf mich ein.“

Nach den Büchern „Sterben“ und „Lieben“ ist „Spielen“ der dritte ins Deutsche übersetzte Band von Knausgårds Autobiografiezyklus „Min kamp“. Dieser war in Norwegen enorm erfolgreich, ist aber nicht nur wegen des Titels, sondern mehr noch wegen der privatistischen Erzählweise nicht unumstrittenen. „Spielen“ kann man als den Kindheitsroman von „Min kamp“ bezeichnen. Abzüglich der ersten, erinnerungslosen Jahre handelt er von Knausgårds später Kindheit und frühen Jugend. Von den Jahren, in denen Karl Ove mit seinen Eltern und seinem Bruder Yngve in einer Neubausiedlung auf der südostnorwegischen Insel Tromøy lebt. Er wird eingeschult, verbringt hier seine Grundschulzeit, fühlt sich erstmals zu Mädchen hingezogen.

Der Vater, ein Gymnasiallehrer, ist hier einmal mehr die bestimmende, das Leben des jungen Karl Ove enorm beschwerende Figur, so wie im ersten Band „Sterben“. Darin erzählt Knausgård, wie er und Yngve den Nachlass des gerade verstorbenen Vaters ordnen, wie sie sich im ziemlich verwahrlosten Haus der noch lebenden Großmutter einfinden, wo ihr Vater die letzten Jahre gewohnt und sich zu Tode gesoffen hat. Dieser Tod ist der Anlass für Knausgård, sich nicht nur seines Vaters, sondern intensiv seiner Pubertät und späten Jugend zu erinnern. In „Lieben“ findet er sich selbst als Vater inmitten eines aufreibenden Familienlebens mit seiner schwedischen Frau Linda und drei Kindern wieder. Beginnend mit einem, wie es scheint ewig dauernden Kindergeburtstag, dreht Knausgård nach und nach die Zeit zurück und erzählt, wie er Linda kennenlernt, wie das erste Kind kommt, das zweite, das dritte. Und wie er trotzdem versucht, zu sich selbst zu kommen, „Ich“ sagen zu können, Zeit fürs Schreiben zu finden: „Das Leben, was ich führte, war folglich nicht mein eigenes. Ich versuchte, es zu meinem zu machen, das war der Kampf, den ich ausfocht, denn das wollte ich doch, aber es gelang mir nicht.“

Dieser Kampf ist für den Leser durchaus eine Zumutung, gerade die Lektüre dieser beiden ersten Bücher. Knausgård gibt sich radikal subjektiv und gefühlig. Er schreibt betont schmuck- und kunstlos, die Sprache ist nur Mittel zum Zweck, nicht primär literarisch gestaltend: um nichts schöner zu machen, als es ist oder war, um so nah wie möglich dranzukommen an sein Leben, das seiner Familie, bis zu Ausrufen wie „Oh nein, oh nein, oh nein!“. Und Knausgård vergisst keinen Kaffee, den er getrunken, keine Zigarette, die er geraucht, keine Windel, die er gewechselt, keine Träne, die er insbesondere als Kind geweint hat.

„Sterben“ und „Lieben“ stecken voller Anziehungs- und Abstoßungskräfte: Knausgårds Offenheit, seine Entblößungen, die nicht gerade zum sympathisierenden Mitempfinden einladen, sind beeindruckend. Die Detailfreude wiederum, das Erwähnen jeder noch so beiläufigen alltäglichen Verrichtung, kann aber auch auf die Nerven gehen, gerade, weil alles so authentisch und ungekünstelt ist: Wie nah will man diesen Mann eigentlich an sich ranlassen?, fragt man sich in solchen Momenten. Beruhigend ist es dann immer, wenn Knausgård richtiggehend ins Erzählen kommt, das Bildungs- und Entwicklungsromanhafte in den Vordergrund gerät. Aber auch, wenn er sich als Schriftsteller reflektierend zu Wort meldet, er sich aus Kunst- und Literaturgeschichte eine Poetologie zusammenbastelt und darlegt. Und er beispielsweise in „Sterben“ gesteht, jahrelang daran gescheitert zu sein, über seinen Vater zu schreiben, „weil dies meinem eigenen Leben zu nahe kam und sich dadurch nicht so leicht in eine andere Form zwingen ließ, die doch die Voraussetzung für Literatur ist.“

„Spielen“ wirkt stringenter und damit auch dichter, formvollendeter als die Vorgänger „Sterben“ und „Lieben“. Zudem gibt es bis auf die Passagen zu Beginn über das Gedächtnis und die unterschiedlichen, durch den Körper, die Sinne oder von Landschaften bestimmten Erinnerungsformen kaum poetisierende Reflexionen. Der Abstand zu dem Kind, das Knausgård war, ist vielleicht ein zu großer, der Schatz der Erinnerungen ein zu wertvoller, und auch das Zeiterleben ein anderes: „Wir waren in der Mitte der Kindheit, und in ihr war die Zeit aufgehoben. Das heißt, die Augenblicke rasten in einem wüsten Tempo dahin, während die Tage, die sie enthielten, fast unmerklich voranschritten.“ Knausgård versteht es gekonnt, mit der Zeit selbst zu spielen. Er erzählt dieses Mal chronologisch. Aber es gibt Augenblicke und Episoden, die er lang auswalzt, die sich ihm unauslöschlich eingeprägt haben mögen: Streifzüge in die umliegenden Wälder oder auf eine Müllhalde mit seinem Freund Geir; eine Fahrt zu den Großeltern mütterlicherseits, mit wunderbaren Landschaftsimpressionen; immer wieder Szenen, die sich ums Schwimmenlernen und Schwimmen drehen. Und dann wieder springt er über das eine oder andere Jahr schnell hinweg, hört der Junge beispielsweise nicht mehr nur die Wings und die Beatles, sondern Police, The Jam und die Stranglers, also Punk. Oder er entdeckt fast vom einen Tag auf den anderen das andere Geschlecht.

Als roter Faden durchzieht diese Erzählung aber die Angst vor dem Vater: die annähernd berechtigte, wenn Karl Ove, etwas ausgefressen, er die Tapete beschmiert oder bloß eine Socke beim Schwimmtraining verloren hat. Die jedoch viel schlimmere Angst ist die diffuse, sich allein durch die Anwesenheit des mitunter unberechenbaren Vaters ergebende. Allein, dass Karl Ove schnell die Tränen in die Augen schießen, ist ein Problem, zu Hause, in der Schule, in der Nachbarschaft. Später wird er wegen seines Aussehens als „Femi“ gehänselt. Trotzdem ist diese Kindheit nicht die Hölle, liegt das Paradies gleich nebenan: „schwindelerregende Höhen“, Glücksmomente, die Freude darüber, einfach auf der Welt zu sein, noch nicht unterscheiden zu müssen zwischen Schuld und Unschuld, alle Zeit der Welt zu haben (und manchmal haben zu müssen).

Knausgård schafft es, auf den Grund des Lebens eines norwegischen Durchschnittskindes in einer norwegischen Durchschnittsfamilie in den siebziger Jahren zu kommen, es regelrecht zu durchdringen. Dabei beschleicht einen häufig das Gefühl, dass sich dieses Leben nicht groß von dem anderer unterscheidet in den europäischen Wohlstandsgesellschaften, speziell der bundesrepublikanischen: Das sind doch wir! Knausgård erzählt von uns, den in den sechziger, siebziger Jahren Geborenen! Die wir zum Beispiel auch nicht wussten, was reden mit den Freunden oder Freundinnen, mit denen man von heute auf morgen „ging“.

Es ist ein großes Sehnen in Knausgårds Büchern: nach Wahrheit, dem Ungeschminkten, dem Wirklichen. Das macht ihren Reiz aus, ihren Sog, ihr Suchtpotenzial. Zumal „Wahrheit“ ja nur annähernd zu erlangen ist: „Für mich war es die Wahrheit, sie aber sagten, ich würde lügen“, äußerte der Schriftsteller in einem Interview, Bezug nehmend auf die Familie seines Vaters, die seinerzeit versucht hat, die Veröffentlichung des ersten Teils von „Min kamp“ zu verhindern. So bleibt Knausgårds Beschwören und Feiern des Lebens in allen Ausdrucksformen, was aber nicht im Gegensatz zur Literatur steht. „Das Markante in Thematik und Stil“ müsse niedergerissen werden, damit Literatur entstehen kann, heißt es in „Sterben“:  „Dieses Niederreißen ist es, was man schreiben nennt.“ Der Wiederaufbau folgt automatisch.

Karl Ove Knausgård: Spielen. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand-Verlag, München 2013.

571 Seiten, 22,99 €.

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