Kultur : Spielplatz der Schlüsselkinder

Das Schillertheater im Schillerjahr: ein Rundgang durch ein vergammelndes Traditionshaus

Frederik Hanssen

Es hätte auch schlimmer kommen können. Unter den prachtvollen Stuckdecken des Michigan Theatre in Detroit parken heute Autos. Als der Senat dagegen am 22. Juni 1993 beschloss, das Schillertheater, die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin, zu schließen, wurde das Traditionshaus in der Bismarckstraße nicht zum Supermarkt, sondern – bitter genug – zum Zwischenstopp für tingelnde Truppen. Die Angestellten mussten gehen, die Hülle blieb bestehen – und so ist das Schillertheater heute die einzige Bühne in Landeshand, die Gewinn abwirft. Das Charlottenburger Haus ist mittlerweile so beliebt bei Tourneeveranstaltern, dass zwischen zwei Produktionen oft kaum eine Nacht für Ab- und Aufbau bleibt.

So eine Dauerpower hinterlässt Spuren. Wer heute das Schillertheater bucht, will möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Wo aber kein Intendantenauge mehr über den pfleglichen Umgang mit dem Gebäude wacht, stoßen sich die Ecken ab, bleiben Narben unkaschiert. Weil statt klassischer Verse jetzt oft laute Musik den Zuschauerraum in Schwingungen versetzt, zeigt das Relief im Eingangsbereich schon Risse. An den Türen zum Saal hängen hässliche Papptafeln mit durchgestrichenen Eistüten und Coladosen, wie man sie aus Freibädern kennt. Im Foyer manifestiert der Caterer seine Definition von Behaglichkeit: Die edle Leere, die Heinz Völker und Rudolf Gosse beim Wiederaufbau des Theaters 1951 mit ihrer hohen Milchglasfensterfront und der geschwungenen Sitzbank geschaffen hatten, ist mit Bugholzstühlen, Bistrotischen und Kübelpflanzen zugestellt. Rechts und links des Rang-Balkons wachsen Säulenkolonnaden in den Raum. „Das ist eine besonders pfiffige Konstruktion“, sagt Karl Heinz zu Weihen. „Da wurden einfach Kunststoff-Abwasserrohre benutzt, die am oberen Ende breiter werden: und schon haben sie die Säulen. Dazu ein paar Rigipsplatten, und fertig ist der Portikus.“ Als Georg Preuße im Frühjahr 2004 fast einhundert umjubelte Vorstellungen seiner Show „Schillernde Zeiten“ gab, wurden hier seine „Mary“-Kostüme ausgestellt.

Im Bühnenjahrbuch, dem Branchenverzeichnis der deutschsprachigen Theater, wird Karl Heinz zu Weihen gleichzeitig als Geschäftsführer des Schillertheaters und als dessen Technischer Direktor geführt. Mangels Alternativen: Zusammen mit drei Bühnenarbeitern schmeißt der Beamte aus dem Bau- und Grundstücksreferat der Senatskulturverwaltung seit sieben Jahren den Laden. Mit seiner tropfenförmigen Brille und dem lässig geknöpften Hemd sieht er gar nicht wie ein Bürokrat aus. Eher wie ein Charlottenburger Immobilienmakler. Die Abwicklung der Schillertheater-Schließung war sein erster Job, als er 1993 bei der Senatskulturverwaltung anfing. Die leer stehenden Werkstätten konnte zu Weihen dem Maxim Gorki Theater kostenlos vermitteln, die Nebenbühne, die so genannte Schillertheater-Werkstatt, steht Grips- und Carrousel-Theater seit 2003 für ihre Jugendstücke zur Verfügung. Haupthaus und Bühne aber sollten Profit bringen, das war die Devise von Anfang an: Die Schwergewichte des deutschen Entertainmentbusiness, Wolfgang Bocksch und Peter Schwenkow, rissen sich um einen Pachtvertrag für das geräumte Theater. Schwenkow bekam den Zuschlag, zeigte aber nur „Brel“ und vermietete dann an Bocksch, der bis Ende 1997 das Haus bespielte. Als eine Ausschreibung im folgenden Jahr keine Ergebnisse zeitigt, wird Karl Heinz zu Weihen beauftragt, das Haus projektweise zu vergeben, erst einmal für sechs Monate.

Inzwischen ist die Bude, die einst West-Berlins bedeutendste Sprechbühne war, bis Frühjahr 2007 ausgebucht. Außer staatlich subventionierten Institutionen darf sich jeder einmieten: 2600 Euro pro Tag kostet das 1103-Plätze-Haus pauschal. Für die Nebenkosten müssen die Veranstalter noch einmal dieselbe Summe einkalkulieren. „Die Mieter bekommen nur die Hülle. Technik und Beleuchtung müssen sie mitbringen, den Kartenverkauf selber organisieren und den Abenddienst stellen“, erklärt zu Weihen. Das Schillertheater, Spielplatz für Schlüsselkinder. Im Oktober kommen die „Tab Dogs“ und „Bagdad Café“, ein Musical nach Percy Adlons Film „Out of Rosenheim“, im November tritt Helge Schneider auf, im Dezember der „Soweto Gospel Chor“.

Im 200. Todesjahr seines Namensgebers ist das Schillertheater also ein quicklebendiger Zombie. Gespenstisch wird es, wenn man zu Weihen backstage folgt, in die Eingeweide des untoten Theaters. Lange Gänge im Schummerlicht wecken „Shining“-Assoziationen, am herumstehenden Gerümpel lassen sich die Verfallsphasen des Hauses ablesen wie das Alter der Bäume an ihren Jahresringen. Elektronisches Equipment aller Epochen ist zu sehen, von steinzeitlichen Computern bis hin zur modernen Anschlussbuchse für Büromieter, die wohl niemals einziehen werden. Die letzten Renovierungsmaßnahmen wurden von Peter Schwenkow initiiert.

In den ehemaligen Büros und Garderoben riecht es wie auf Omas Dachboden. Der Duftspender, den jemand mit empfindlicher Nase irgendwann mal aufgestellt hat, hat seine „frische Brise“ längst verduftet. Der billige graumelierte Bodenbelag löst sich an vielen Stellen schon wieder von den Scheuerleisten ab. In vielen Räumen sind noch FünfzigerjahreWaschbecken zu finden, teilweise mit vergilbten Vorhängen versehen. Höhepunkt der Führung ist der Blick ins Theodor-Heuss-Zimmer: 1951 hat der erste deutsche Bundespräsident das wieder aufgebaute Haus eingeweiht und die Eröffnung der ersten Berliner Festwochen mit seiner Anwesenheit beehrt. Viel ist vom einstigen Glanz der Präsidentensuite mit holzgetäfelten Wänden, Privattoilette und Tapetentür in den Zuschauerraum nicht geblieben. Auch dieser Raum dient heute als Rumpelkammer. „Mit Politik kann man keine Kultur machen“, hat Heuss einmal gesagt, „aber vielleicht kann man mit Kultur Politik machen“. Da hat er sich leider geirrt.

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