Kultur : Spielplatz Minenfeld

Der erste irakische Spielfilm: Bahman Ghobadis „Schildkröten können fliegen“

Christina Tilmann

Wir wissen, ganz am Anfang, das geht nicht gut. Da steht sie, hoch auf dem Fels über dem Fluss, der Wind fegt durchs dunkle, lockige Haar, ernst ist das schöne Gesicht, sie blickt nach unten, tief, metertief, und der Fuß, im bestickten Pantoffel, schiebt sich vor, zuckt zurück, und schiebt sich wieder zögernd vor. Das nimmt kein gutes Ende mit der jungen Frau, die dort wie Loreley auf dem Felsen steht, und auch wenn die Kamera sie dann von unten filmt, wie eine Galionsfigur hoch in den Himmel ragend, droht sie gefährlich vornüber zu fallen.

Agrin (Avaz Latif) trägt eine schwere Last. Sie trägt sie auf dem Rücken, in ein buntes Tuch gehüllt, den ganzen Tag: Es ist ihr Sohn. Dass dieses Mädchen, kaum vierzehn Jahre alt, einen zweijährigen Sohn hat, und dass dieser Sohn blind ist, und dass da keine Eltern mehr sind, sich um die beiden zu kümmern, sondern nur ein Bruder, der selbst keine Arme mehr hat: Das sind die Folgen des Kriegs. Es ist die Spur der plündernden Soldaten, die Agin vergewaltigten. Und es ist das Ergebnis amerikanischer Landminen, die, überall im Land verteilt, mangels anderer Arbeitskräfte von den Kindern eingesammelt werden, unter Einsatz des Lebens.

Krieg – und Landminen und das, was sie den Kindern antun – ist das große Thema des kurdischen Regisseurs Bahman Ghobadi. Das war schon so in seinem Debüt „Zeit der trunkenen Pferde“, als er die Kinder über alle Berge schickte, in Schnee und Eis, immer auf der Flucht. Und es ist es wieder, in „Schildkröten können fliegen“, dem ersten Spielfilm, der seit 26 Jahren im Irak gedreht wurde. Als Eröffnungsfilm der „14plus-Sektion“ wurde er auf der vergangenen Berlinale gefeiert und mit dem Friedensfilmpreis ausgezeichnet – und seither mit vielen anderen Preisen auch, zu Recht.

Der erste Film aus dem Irak, von einem Regisseur, der im iranischen Kurdistan geboren wurde, als Kind selbst Bombardements von Irakern erlebte. Als er 2003 in Bagdad einen Dokumentarfilm vorstellte, sah er die Kinder, die verstümmelt waren. Und wusste, er muss noch einmal zurück, um mit diesen Kindern zu drehen. „Schildkröten können fliegen“ spielt kurz vor der amerikanischen Invasion, in einem Flüchtlingslager an der irakisch-türkischen Grenze. Ein Lager im Niemandsland, in der Wüste, alle Nachrichten kommen nur über Satellit, und da ist nur eine diffuse Angst vor den Bomben und dem Rat des Dorfältesten: Wenn der Angriff kommt, geht auf den Berg.

In einer Zeit, in der die Erwachsenen versagen, hilflos in ihren Zelten sitzen, schlägt die Stunde der Kinder. Ghobadi wählt sich dafür eine Hauptfigur: Satellit (Soran Ebrahim), 13-jährig, ist ein Schlauberger. Man braucht nur sein Gesicht zu sehen, diese gewitzten Augen hinter der mehrfach geflickten Brille, oder sein Fahrrad, dieses eigens ausstaffierte Objekt aus Stangen, Flaschen, Tüchern – und man weiß: Der kanns. Kann improvisieren, kann sich durchwursteln, kann die Führung übernehmen, wenn alle fragen: Was jetzt? Er ist der Anführer der Minenkinder: Er bestimmt, wer wo eingesetzt wird, er ist es, der mit den Amerikanern verhandelt. Er installiert die Parabol-Schirme, übersetzt die Nachrichten für die Dorfältesten und lässt alles Verfängliche weg, denn: Fernsehen ist verboten. Und er verliebt sich, das erste Mal, und gleich in eine, der trotz allem nicht zu helfen ist. Agrin wird sterben, das wissen wir von Anfang an. Wie Satellit damit weiterlebt, das wissen wir und weiß der Film auch nicht.

Kant, fsk und Hackesche Höfe (OmU)

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