Kultur : Spielregel und Ausnahme

Sasha Waltz zieht Bilanz – ihre Förderung wackelt

Patrick Wildermann

Ein paar mal droht die Zusammenkunft im gellenden Pfeifkonzert unterzugehen, aber dafür kann Sasha Waltz nichts. Der Protest gilt nicht ihr. Zum 15-jährige Bestehens ihrer Compagnie hat die Choreografin aufs Freideck des Radialsystems an der Spree geladen, und während sie in luftiger Höhe Bilanz zieht, demonstrieren unten zu Wasser die Gegner der Kreuzberger Ufer-Bebauung.

„Sonnenuntergangsstimmung“ hatten sie sich erhofft, sagt Compagnie-Manager Jochen Sandig. Also spannt Waltz den Bogen im milden Licht von ihren freien Anfängen am Bethanien über die Zeit an der Schaubühne bis zur Rückkehr in die Selbstständigkeit mit heute 28 festen Mitarbeitern. Sie erzählt vom Wendepunkt, den ihre ersten Opern-Arbeiten bedeuteten, sie kündigt an, dass einige ihrer frühen Produktionen bald wieder in Berlin zu sehen sein werden, darunter Klassiker wie „Allee der Kosmonauten“.

Gute Nachrichten, eigentlich. Sasha Waltz hat eine Weile nicht öffentlich auftreten können, unter anderem entging ihr deshalb der Europäische Theaterpreis in Thessaloniki. Von „körperlicher und seelischer Erschöpfung“ war die Rede, aber das ist kein Thema jetzt, höchstens zwischen den Zeilen. Sasha Waltz spricht über den Druck, den es bedeutet, Teil eines Kunstmarkts zu sein. „Manchmal verliert man sich“, sagt Waltz, „und ist nur noch Erfüller.“ Sie hoffe aber, künftig wieder stärker auf ihre eigene Stimme hören zu können. Zur kleinen Form will sie zurückfinden, zum Fragmentarischen, vielleicht auch mit nur zwei Tänzern.

Auf der anderen Uferseite prangt in großen Lettern am Verdi-Gebäude der Slogan: „Würde hat ihren Wert. Arbeit hat ihren Preis.“ Geschäftsführerin Anja Schmalfuß trägt Zahlen vor. Seit 2006 wird die Compagnie institutionell gefördert und erhält vom Land und dem Hauptstadtkulturfonds zusammen rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr. Aber das mache bloß 40 Prozent des Gesamtetats aus. Vergleichbare Gruppen wie die Forsythe Company oder Pina Bausch erhielten bis zu 75 Prozent institutionelle Förderung. Die haben allerdings Stadttheater im Rücken. Sasha Waltz hatte an der Schaubühne die Erfahrung gemacht, dass künstlerische Unabhängigkeit sich nicht mit den Strukturen eines solchen Hauses vereinbaren lässt. Freie Arbeit, feste Finanzierung? Sie antwortet „anekdotisch“: In Frankreich, während ihrer Arbeit an „Roméo et Juliette“, habe sie mit der Opéra National de Paris ein Haus kennengelernt, in dem der Tanz mit Brigitte Lefèvre eine starke Stimme besitze, diese Unterstützung sei für sie eine außergewöhnliche Erfahrung gewesen. Konkreter wird es nicht. Über der Spree zieht Nebel auf. Patrick Wildermann

Und noch einmal Sasha Waltz, von anderer Seite. Bernd Wilms, neuer Kurator des Hauptstadtkulturfonds, präsentiert im malerisch heruntergekommenen Großen Saal der Senatskulturverwaltung in der Brunnenstraße seine ersten Förderentscheidungen. Parkett, hohe Fenster, 80er-JahreLeuchten: Solch ein Ort könnte auch Sasha Waltz & Guests inspirieren, zu einer neuen „Allee der Kosmonauten“. Doch Wilms macht erneut unmissverständlich klar: Waltz würde er am liebsten überhaupt nicht mehr fördern. 875 000 Euro erhält die Truppe 2008 aus dem Hauptstadtkulturfonds, als sogenannte Regelförderung, wie auch das Orchsterfestival „Young Euro Classic“, die beiden Poesiefestivals oder „Tanz im August“. Ein Drittel der Jahresmittel ist so fest gebunden, bevor die sechsköpfige Jury ihre Arbeit überhaupt aufnimmt. „Wenn Berlin eine moderne und wunderbare Compagnie haben will wie die von Sasha Waltz, dann muss sie – wie die Opern und Theater auch – aus dem ordentlichen Haushalt finanziert werden“, so Wilms. Er habe darüber am Dienstag mit Klaus Wowereit gesprochen. Die Förderung für Sasha Waltz läuft bis 2009.

Die drei Millionen Euro, die Wilms mit seiner Jury für 46 Projekte verteilen konnte, bedenken – wie immer – viele Bekannte, „die üblichen Verdächtigen“, gibt auch Wilms zu: Sophiensäle, Radialsystem, Ballhaus Naunynstraße und Ballhaus Ost, dazu Großinstitutionen wie die Akademie der Künste, die Stiftung Deutsche Kinemathek oder den Gropius-Bau, in dem es eine große Olafur Eliasson-Ausstellung geben soll. Christina Tilmann

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