SPIEL Sachen : Amazone im Wohnzimmer

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Medea und Penthesilea gehören zweifellos zu den schwierigsten Figuren der Dramenliteratur. Die erste, die stolze Immigrantin aus der Feder des Euripides, tötet ihre beiden Kinder, nachdem ihr Partner Jason ihr mitgeteilt hat, er werde statussteigernd die Tochter des korinthischen Königs ehelichen. Medea droht indes die Ausweisung. Die zweite Dramenfigur – Heinrich von Kleists Amazonenkönigin Penthesilea – tötet erst ihren Geliebten Achill auf dem Schlachtfeld und anschließend sich selbst durch ein „vernichtendes Gefühl“ in der Brust.

Die theatralen Versuche, uns diese beiden hoch komplexen Charaktere nahezubringen, sind zahlreich. Medea als überfordertes Hausmuttchen zwischen Spülmaschine und Wäschetrockner, Penthesilea als niedliches Girlie: alles schon dagewesen. Das Scheitern ist oft programmiert, weil sich ein derart monströses Personal nicht mal eben lässig in alltagspsychologische Muster pressen lässt.

Dennoch gibt es immer wieder neue Anläufe. Ein ganz besonderes Experiment unternimmt jetzt die Regisseurin Michaela Caspar im Ballhaus Ost. Unter dem Motto „Medea! Die Wahrheit! Me Dea F! (Fr/So 20 Uhr, Sa 19 Uhr) lässt sie gehörlose, schwerhörige und hörende Jugendliche zentrale Themen des „Medea“-Stoffes verhandeln, etwa die Sujets Immigration und Rollenbilder. Caspar greift dabei auf vor-euripideische Quellen zurück und versucht – ähnlich wie in ihrem gefeierten Vorgänger-Projekt nach Wedekinds „Frühlings Erwachen“ – mit den jungen Akteurinnen und Akteuren eine „Kommunikation jenseits gelernter Pfade“ zu etablieren.

Kurz darauf ziehen dann Cornelius Schwalm und die Truppe Mariakron am Theater unterm Dach mit Penthesilea nach (26./27.5., 20 Uhr). Die Kleist’sche Amazonenkönigin, glauben sie, sei schlichtweg „alles: fremd erscheinendes Textkonvolut, rauschafter Trip, deutsches Sittenbild und perfekte Projektionsfläche für bürgerliche Sehnsüchte.“ Entsprechend ersteht die Kriegerin bei Schwalm in einem stilisierten Wohnzimmer auf: Gesittete Literatur-Bürger mit ordnungsgemäß sublimierten Entgrenzungsfantasien treffen sich zur Kleist-Lektüre und lassen unter dem „Schutz des scheinbaren Spiels“ abgedrängte Instinkte durchbrechen. Der Zuschauer soll dabei „zum unfreiwilligen Voyeur eigener und fremder Abgründe“ werden.

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