SPIEL Sachen : Auf dem Kontakthof

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Das Theater hat in den letzten Jahren zunehmend die klassische Guckkasten-Situation hinterfragt und seinen Live-Aspekt betont. Zumindest die dramatische Avantgarde führt die Tatsache, dass Zuschauer und Performer bei der Bühnenkunst nicht nur eine Menge Zeit, sondern eben ganz leibhaftig einen Raum teilen, zurzeit als wichtigsten Vorteil gegenüber Konkurrenzmedien wie dem Kino an. Gerade als Besucherin der freien Szene findet man sich gern in temporären performativen Arbeitsämtern, Revoluzzer-Lagern, reinszenierten Filmen oder in Computerspielen entlehnten Installationen wieder.

Die Landesbühne Berlin stellt die Frage nach der physischen Begegnung im virtuellen Zeitalter nun ganz explizit ins Zentrum ihres Stückes Herein!? oder Gebrauchsanweisung für den körperlichen Besuch in Echtzeit. Viele Menschen verbrächten – so haben die Theatermacher/innen Silke Buchholz, Mirko Böttcher und Angelika Hofstetter recherchiert – „durch die Welle der ,Zwangsvernetzung‘“ doppelt so viel Zeit vorm Computer wie in der prävernetzten Ära. Diese Entdeckung veranlasste das Trio zu einer „exzessiven Begegnungsrecherche“. Mit einem reichhaltigen Fragenkatalog, der von „Wann hatten Sie zuletzt Besuch?“ bis „Geht es gerecht in der Welt zu?“ keine tiefenphilosophische Komponente ausließ, nahm das Team per Facebook ebenso Kontakt zu seinen Mitmenschen auf wie im öffentlichen Raum und im privaten Umfeld. Auf der Bühne des Theaterdiscounters (4.6. & 9.-11.6., 20 Uhr) wird es nun minutiös berichten, inwiefern sich die Kontaktaufnahme-Techniken tatsächlich verändert haben, ob der Weg zum anderen kürzer oder länger geworden ist und welche Besuchsrituale anno 2011 existieren.

Wer dann noch weiter forschen will, sollte sich unbedingt in Melanie Mohrens und Bernhard Herbordts theatrale Installation Alles, was ich habe #4: Reden in den Sophiensälen begeben, zu der man bis zum 5.6. zwischen 19 und 22 Uhr durchgängig Zutritt erhält. Dort werden – nach Interviewserien mit Wissenschaftler/innen, Aktivist/innen und Künstler/innen – zwischen Archivzetteln, Audioguides und hoch komplexen Zuschauer- und Performer-Begegnungen tatsächlich „Praktiken für eine andere Zukunft“ erprobt.

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