SPIEL Sachen : Auf glattem Eis

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Als das HAU diesen Monat mit Jérôme Bels Disabled Theater wiedereröffnet wurde, gab es wunderbar kontroverse Reaktionen. In der Produktion des französischen Choreografen sprechen behinderte Profi-Darsteller der Zürcher Gruppe Hora über ihren Beruf, denken über ihre Behinderungen nach und tanzen Soli nach selbst gewählter Musik.

Im Unterschied zu anderen Theaterproduktionen mit körperlich oder geistig behinderten Darstellern, die sich oft von literarischen Vorlagen abstoßen und den Akteuren so den Schutz einer Theaterrolle bieten, stellt „Disabled Theater“ ganz unvermittelt die berühmte Authentizitätsfrage in den (Bühnen-)Raum. Einige Rezensenten feierten den Abend denn auch als neue Dimension in der Bühnenarbeit mit behinderten Darstellern. Andere empfanden ihn als problematische „Freakshow“.

Wenn jetzt die Performancegruppe Monster Truck mit ihrem Projekt Dschingis Khan in die Sophiensäle kommt (heute bis Sonntag, 21 Uhr), kann diese Diskussion quasi nahtlos fortgesetzt werden. „Dschingis Khan“ präsentiert in einer Art Völkerschauparodie laut eigener Ankündigung von Monster Truck, „drei Menschen mit Down-Syndrom, die man bis vor kurzem noch ,mongoloid‘ genannt hätte, als waschechte Mongol/innen“. In schwere Felljacken gehüllt, heißt es seitens der Theatermacher weiter, „sollen diese ihre vermeintliche Authentizität und Wildheit zur Schau stellen: Die Maschinerie des Theaters läuft auf Hochtouren, um das größtmögliche Andere zu produzieren.“ Kurzum: Gemeinsam mit Schauspielern des Berliner Theaters Thikwa hinterfragen Monster Truck provokant gängige Zuschreibungen und führen, wie jeder klarsichtige Bühnenkünstler auf der Höhe der Zeit, das gute alte Repräsentationstheater aufs Glatteis. Der Produktion, die im September am FFT Düsseldorf Premiere feierte, eilt zur Berlin-Premiere ein kontroverser Ruf voraus: Während einige Kritiker deutliches „Unbehagen“ artikulierten, freuten sich andere über „abgründiges Diskurstheater“ mit „mehrfach gebrochenem Blick“.

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