SPIEL Sachen : Besuch bei Samsa

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Für das denkwürdige Schicksal des Handlungsreisenden Gregor Samsa haben sich Künste wie Wissenschaften ja seit jeher brennend interessiert: Passiert schließlich nicht jedem, dass er sich zu einem „ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ findet. Das Gedankengut, das zu dieser fatalen Mutation führt, allerdings ist weithin identifikationsträchtig: „Was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt“, sinniert Herr Samsa etwa in der besagten REM- Phase. Oder: „Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hingetreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens aus gesagt.“ Wer kennt derlei Anwandlungen nicht? Deshalb allerdings gleich als Käfer zu erwachen, der für jedwede Erwerbstätigkeit völlig untauglich ist – über diese Konsequenz verfügt wahrlich nicht jeder Zeitgenosse.

Den jüngsten theatralen Samsa-Aufarbeitungsversuch unternehmen jetzt der Regisseur Stefan Neugebauer und sein clubtheater berlin. Die Truppe diagnostiziert dem Antihelden aus Kafkas Erzählung in der Alten Wäscherei des Stadtbades Steglitz (heute und morgen, 20 Uhr) ein handfestes „Burn-out-Syndrom“ und traktiert ihn mit Fragen wie diesen: „Ist die Verwandlung eine Art Protest gegen die Zumutungen des Berufslebens? Ist Gregor ein Aussteiger? Ist Kafkas Verwandlung Kapitalismuskritik in einer verschlüsselten Symbolsprache?“

Neben diesen recht nahe liegenden Ansatzpunkten beschäftigen sich Neugebauer & Co. allerdings löblicherweise auch mit der eher praktischen Seite des Geschehens: Wohin mit Gregor beziehungsweise dem Käfer, fragen sie beispielsweise aus der Perspektive des übrigen Samsa-Clans: „Gehört er noch zur Familie oder ins Tierreich?“ Bei alledem verspricht das clubtheater übrigens, Kafka gleichzeitig „gegen den Strich“ zu bürsten und dennoch für astrein „kafkaeske Unterhaltung“ zu sorgen.

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