SPIEL Sachen : Bilanz ohne Kulanz

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Über die meisten Menschen brechen zwischen den Jahren die klassischen Sinnfragen herein: Wie ersprießlich waren die letzten zwölf Monate? Darf man sich von den kommenden realistischerweise Fröhlicheres erwarten? Und wann hat man eigentlich das letzte Mal ernsthaft über seinen Job nachgedacht? Es soll Leute geben, die durchaus froh sind, wenn all diese Irritationen am ersten Januar-Montag von allein wieder unter dem Schreibtischberg versacken. Zeitgenossen allerdings, die derartige Hinterfragungsphasen ernster nehmen und auch inhaltlich eher globalisieren als negieren wollen, sei Susanne Truckenbrodts Inszenierung Toter Tag im Theater unterm Dach empfohlen (8., 9., 13. & 14. 1., 20 Uhr).

Darin greift die Regisseurin zwar Motive aus Matthias Claudius’ Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ auf. Aber um schlichte Lyrik-Illustration geht es ihr so wenig wie um eine Wiedergabe der berühmten Franz-Schubert-Vertonung.

Im Mittelpunkt von Truckenbrodts Stückentwicklung steht vielmehr ein Ehepaar gegen Anfang sowie gegen Ende seines gemeinsamen Lebens, das eher episodenhaft als narrativ-stringent über die Verschleißerscheinungen nachdenkt, die die Jahre zwischen dreißig und sechzig so gefordert haben. Logisch, dass man da schnell bei den berühmten Werten ist, die uns am Leben halten.

Gedichtgemäß spielen auch Todessehnsucht und Verführungskraft des „wilden Knochmanns“ eine wichtige Rolle: Das lyrische Mädchen – bei Truckenbrodt die Tochter des Ehepaares - hat sich zum Suizid entschlossen.

Mit „Toter Tag“ arbeitet Susanne Truckenbrodt, die bis 2002 das bei Off-Kennern beliebte Orphtheater leitete und vor allem durch ihre gefeierte „Peer-Gynt“-Inszenierung mit sämtlichen Freie-Szene-Größen 2006 an den Sophiensälen in bester Erinnerung ist, seit Längerem endlich mal wieder in Berlin.

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