SPIEL Sachen : Der Charme der Apfelweiber

Die Erfahrung, dass die bürgerliche Existenz sich nicht in jedem Fall gut mit romantischen Neigungen verträgt, haben schon viele Menschen machen müssen. Im Theater an der Parkaue trifft es nun – als Vorwarnung für alle aufstrebenden Bürger/innen und Romantiker/innen ab sechzehn – den Studenten Anselmus. Und das überraschend. Denn der in Alltagsbelangen ausgesucht tollpatschige junge Mann führt ein viel zu pragmatisches Durchschnittsleben, um für poetische Anwehungen empfänglich zu sein.

Als er sich aber eines schönen Himmelfahrtsabends am Dresdner Elbufer erschlafft unter einem Holunderbaum ausstreckt, beginnen plötzlich die Blätter zu wispern, und „drei in grünem Gold erglänzende Schlänglein“ mit menschlichen Stimmen bringen Anselmus um den Verstand. Kaum hat er sich gefangen – qua Flucht in die stocknüchterne Gesellschaft des Konrektors Paulmann, mit dessen geradliniger Tochter Veronika bereits eine Art Eheanbahnung läuft – kommt es zu einem Rückfall. Ein Studi-Job beim Archivarius Lindhorst schleudert Anselmus irreversibel in ein Zauberreich, in dem es nicht nur von Salamandern und eigentümlichen Kreaturen wie dem „Äpfelweib“ wimmelt, das seinerseits der mythischen Verbindung einer Runkelrübe mit einer Drachenfeder entsprungen ist, sondern in dem sich die verführerischste der drei Elbufer-Schlangen praktischerweise als begehrenswerte Tochter des Archivarius entpuppt. Sascha Bunge ist im Theater an der Parkaue nicht der Einzige, der E. T. A. Hoffmanns 1814 erschienener Erzählung „Der goldne Topf“ (heute 18 Uhr und Mo, 16.1., 19 Uhr) zu einer verdienten Bühnenkarriere verhilft. Erst kürzlich hatte Sebastian Baumgarten den identifikationstauglichen Zwiespalt zwischen dem „poetischen Gemüt“ und „den kleinlichsten Bedrängnissen des gemeinen Lebens“ am Staatsschauspiel Dresden in einem bemerkenswerten Doppelstock-Gewächshauszaubergarten zelebriert.

Hoffmann war sich mit seinen Zeitgenossen einig, dass dieses „Märchen aus der neuen Zeit“ sein Hauptwerk sei. Bunge feiert es gebührend – und taucht bei dieser Gelegenheit so umfassend wie didaktikfrei in die Epoche der Romantik ein. Zwischen lustig aufmarschierenden Doppelgängern, unheimlichen Showlampen, befreiender romantischer Ironie und spießigen Bürgerkarikaturen dürfte dem Studiosus die Zukunftsentscheidung nicht allzu schwer fallen.

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