SPIEL Sachen : Die Kunst des Neinsagens

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„Ich möchte lieber nicht“: Bartlebys Verweigerungsformel mag dieser trüben Sommertage so manchem Arbeitnehmer durch den Kopf gehen. Aber kaum einer dürfte seine Abneigung gegen die Erwerbstätigkeit so konsequent durchziehen wie jener berühmte Schreiber aus Herman Melvilles Erzählung. An dem eindrucksvollen Sonderling, der eines Tages in einem Büro in der Wall Street anheuert und bald jeden Auftrag mit dem besagten Satz „I would prefer not to“ abschmettert, hat sich das Theater schon mehrfach abgearbeitet. Auch im Kreuzberger Kunstquartier Bethanien (Mariannenplatz 2) soll nun im Rahmen des Frikk-Festivals der Bogen vom 19. ins 21. Jahrhundert geschlagen werden. Das Team Godards Cousinen nimmt die Erzählung zum Ausgangspunkt, um in „Bildern, Abbildern und Songs“ umfassend über „Die Arbeit und ihre Folgen“ (16.8., 20.30 Uhr) nachzudenken. Bei diesem Titel dürften nicht nur den Künstlern die Assoziationen von ganz allein aus dem Kopf purzeln. Schon dass Bartleby als „Kopist“ arbeitet, eröffnet ja viele Anknüpfungspunkte.

Wer trotzdem noch Zweifel hat, von Bartleby fürs (Arbeits-)Leben lernen zu können, sei auf eine andere Veranstaltung im Kunstquartier Bethanien hingewiesen, die durchaus als Bartleby-Vorbereitungskurs für die ganze Familie verstanden werden kann: Am heutigen Freitag um 14 Uhr gastiert das Galli Theater mit dem Lehrstück „Die Bremer Stadtmusikanten“ und zeigt für arbeitsame Kinder und ihre erwachsenen Begleiter, was passiert, wenn man nicht rechtzeitig die hohe Kunst des Neinsagens lernt. Esel, Hund, Katze, Hahn: Sämtliche Protagonisten des Grimm’schen Märchens haben lebenslänglich hart für ihre Arbeitgeber geschuftet. Als es an der Rentenzeit ist, jagt man sie abfindungslos aus der Firma oder sieht sie gar für den Suppentopf vor. Hätten die Arbeitnehmer früher gelernt, ab und zu mal „I would prefer not to“ zu sagen, wäre ihnen diese bittere Erfahrung sicher erspart geblieben.

„Ich möchte lieber nicht“ – in diesem Stadium befinden sich zurzeit auch die großen Berliner Bühnen mitsamt ihren Zuschauern. Noch bis Mitte, Ende August sind die Hochkulturtempel in ihrem verdienten, traditionellen Sommerschlaf versunken. Nur die Kinder- und Jugendtheater werden schon wieder eifrig. Das Theater an der Parkaue zum Beispiel weist gleich mit seinem Spielzeitauftakt sanft, aber nachdrücklich darauf hin, dass man mit kultureller Bildung gar nicht früh genug anfangen kann. Die Aufführung „Lichterloh“ (17./18.8., 10 Uhr) – eine Koproduktion mit den United Puppets – richtet sich bereits an Kinder ab drei. Dieser erste Exkurs der Lichtenberger Kinder- und Jugendbühne ins immer populärer werdende Genre des „Theaters für die Allerkleinsten“ verspricht denn auch umfassende Erleuchtung: Er beschäftigt sich mit dem Phänomen Licht. Die Akteure Melanie Sowa und Lutz Großmann erschöpfen sich aber nicht in sonniger Lyrik, Mond- und Sternenzauber. Sondern sie beziehen das Licht in der für den renommierten Ikarus-Preis nominierten Produktion auch auf die klassische Theatersituation. Denn ohne Licht geht auf der Bühne bekanntlich gar nichts. „Was passiert, wenn das Licht selbst die Hauptfigur ist?“, fragen sich die Theatermacher und zeigen, was für erstaunliche Dinge eine gemeine Lichtquelle noch alles vollbringen kann, außer schlicht an- und ausgeknipst zu werden.

Ein Hoch also auf die theatrale Erleuchtung! Oder wollen Sie lieber nicht?

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