SPIEL Sachen : Die Puppen tanzen lassen

von

Die Zeiten, in denen Puppentheater ausschließlich als Vorweihnachtsvergnügen für Kleinkinder wahrgenommen wurde, sind glücklicherweise vorbei. Heutzutage mischt etwa die schräge Berliner Puppenschmiede „Das Helmi“ ernst zu nehmende Festivals auf. Der Regisseur Nicolas Stemann greift in seiner grandiosen „Faust“-Inszenierung, die bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte und jetzt im Hamburger Thalia-Theater läuft, sogar an handlungstragender Stelle auf Helmi-Puppen zurück: Die tollen Knautschgesichter spielen unter anderen die unbezwingbaren Goethe-Experten. Und auch Armin Petras entschied sich in seiner Christian-Kracht-Inszenierung „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ am Maxim-Gorki-Theater für eine Mischästhetik aus Schauspiel und Puppentheater.

Doch das augenfällige Interesse von Schauspielregisseuren an dieser Theaterform ist nur die eine Seite. Umgekehrt differenzieren sich auch die Stoffe immer weiter aus, an die sich das Puppen-, Figuren- und Objekttheater heranwagt. Diese Entwicklung kann man derzeit bei der fünften Auflage des internationalen Genre-Festivals Versuchung in der Berliner Schaubude (Greifswalder Str. 81–83, bis 27.10.) beobachten. Viele Produktionen, deren Thematik von Tragödientiefgängen à la „Antigone“ über Kindersoldaten bis zur Beobachtung des nächtlichen Straßenlebens reicht, werden in deutscher Erstaufführung präsentiert.

Am heutigen Freitagabend (20 Uhr) klopft zum Beispiel das Puppentheater der Stadt Magdeburg Goethes Versepos „Reineke Fuchs“ auf seine Gegenwartstauglichkeit ab. In dem französischen Beitrag „Ich möchte Du sein“ werden anschließend Wohl und Wehe von Zwillingspaaren auf den Prüfstand gestellt. Die belgische Cie Gare Centrale lotet in ihrer Produktion „Zerbrechlich“ (23.10., 20 Uhr) aus, in wie vielen Kontexten die Vokabel „fragil“ verwendet wird: auf Umzugskartons, in Kriegen, in Beziehungstragödien. Und die dänische Sound-Performance „Zwischen den Welten“ (27.10., 20 Uhr) hält abschließend ein ganz besonderes Erkenntnispotenzial bereit: Wie klingt das, wenn ich versuche, mein eigenes Ich zu begreifen?

0 Kommentare

Neuester Kommentar