SPIEL Sachen : Eheliche Pflichten

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Es gibt weniges, was im Theaterbetrieb so heftig diskutiert wird wie das Wohl und Wehe der Gegenwartsdramatik. Viele Regisseure, Intendanten und Kritiker wünschen sich „mehr Welt- und Nachhaltigkeit“. Die Autoren monieren im Gegenzug schwere Defizite in der dramatischen Lebensgemeinschaft und fordern eine Art Ehevertrag ein. „Qualitätsgeilheit statt Frischfleischwahn! Mehr Aufführungen einer Inszenierung statt ex und hopp! Keine One-Night-Stands mit Schreibern, sondern Beziehungspflege!“ So jedenfalls liest sich der Forderungskatalog der „Battle-Autoren“, einer 2007 in Berlin gegründeten Initiative junger Dramatiker und Dramaturgen.

Ob sich in puncto ehelicher Pflichterfüllung aus Autor/innen-Sicht etwas getan hat oder der Flirt mit neuen, immer jüngeren 24-Stunden-Partnern noch en vogue ist, wird am heutigen Freitagabend sicher zur Sprache kommen: Die Battle-Autoren versammeln sich im Theaterdiscounter (Klosterstraße 44, 20 Uhr, Eintritt frei), um in jeweils fünfminütigen Beiträgen ihre „Vision eines anderen Theaters zu erklären“. Erlaubt sind sämtliche Textgattungen vom Drama über den Witz oder das (Klage-)Lied bis zur Posse. Dass die Veranstaltung den Titel Schluss mit zeitgenössischer Dramatik! trägt, ist übrigens nicht ausschließlich ironisch gemeint, sondern bezieht sich auch auf die Feier des Saisonendes. Das „Battle-Autoren-Spezial“ setzt gleichzeitig den Schlusspunkt unter die „Kaltelesereihe“, bei der unter Anwesenheit des Autors ein neues Stück vorgestellt und ausführlich diskutiert wird.

Eine zentrale Frage, der kaum ein Dramatiker ausweichen kann, ist die nach Funktions- und Bedeutungswandel des Textes: Speziell in der freien Szene arbeitet kaum noch ein Künstler mit Stückvorlagen. Dokumentarische, performative oder interaktive Formate spielen inzwischen eine wichtige Rolle. Wenn Performer doch in einer sehr grundsätzlichen Weise mit Text arbeiten, schreiben sie ihn oft selbst – gern als work in progress in betont unhierarchischer Kollektivarbeit.

Kurzum: Es gibt in der Tat viel zu diskutieren. Und zu wünschen ist natürlich, dass nicht nur die Autoren-, sondern auch die (institutionelle) Theater-Seite zu Wort kommt, um ihre Vision eines anderen Theaters vorzutragen und Wünsche an den dramatischen Nachwuchs zu formulieren. Möglicherweise haben ja auch angebliche Beziehungsmuffel und Seitenspringer das eine oder andere plausible Motiv.

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