SPIEL Sachen : Eingang für Dienstboten

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Zwar läuft die Theatersaison noch mindestens einen Monat auf Hochtouren. Aber der Theaterdiscounter packt trotzdem schon mal seine Sommerproduktion aus. Und absolut jahreszeitgemäß verspricht Regisseur Georg Scharegg, auf keinen Fall „große Menschheitsfragen“ zu behandeln, sondern die Klassik vielmehr „durch den Dienstboteneingang betreten“ zu wollen.

Auf dem Plan steht August Wilhelm Ifflands Komödie „Die Hagestolzen“ – wobei die Story eines Städters, der auf dem Lande „eine junge, herzensgute Heiratspartie findet“, eher zweitrangig scheint. Tatsächlich geht es Scharegg um die mittelgroßen Menschendarstellungsfragen. Und denen wandte sich ja nicht nur der Schauspieler, Dramatiker und Intendant Iffland ziemlich ausführlich zu; etwa in seinen „Fragmenten über Menschendarstellung“ oder in seiner „Theorie der Schauspielkunst“, die in Schareggs Produktion selbstredend gebührend zur Sprache kommen.

Mit Iffland bringt der Theaterdiscounter (1., 2., 4. & 6. Juni, jeweils 20.30 Uhr) pünktlich zu Saisonabschluss die relevanten Betriebsfragen schlechthin aufs Tapet. Zum Beispiel: Wie zeitgemäß ist das psychologisch- realistische Charakterspiel? Kann man als Iffland-Typus heutzutage noch Schauspieler des Jahres werden? Und wie hast du’s mit der Performancekunst?

„Deutschland wird in diesem jungen Mann noch einen Meister finden“, prophezeite Schiller Iffland bekanntermaßen, als der 1782 in der Uraufführung seiner „Räuber“ als Franz Moor brillierte. Scharegg und Co. scheinen da skeptischer: Erstens spüren sie die „Refugien einer rührenden Menschendarstellung“ nurmehr in absoluten ästhetischen Randbereichen wie der Politik oder der Soap auf, während im Theater längst neue Formen die Oberhand gewonnen hätten. Und zweitens kommt Iffland, der 1796 in Berlin Theaterchef wurde, im Theaterdiscounter ausdrücklich auch als „Vorfahr späterer Selbstdarstellungs- und Überlebenskünstler auf Berliner Direktorensitzen“ zur Sprache. Es könnte also ein ziemlich langer Abend werden.

Wer sich indes lieber kurz und amüsant von der Richtigkeit der These überzeugen will, dass Theaterformen jenseits der psychologischen Menschendarstellung sogar im Kindertheater längst auf dem Vormarsch sind, sollte Milan Peschels großartige Inszenierung Der Fischer und seine Frau im Theater an der Parkaue (4. & 15. Juni, jeweils 9.30 Uhr) nicht versäumen.

Der frühere Volksbühnen-Star bringt dem Zuschauernachwuchs hier die allerbeste, -schrillste und -lebendigste Castorf-Schule nahe. Peschel deutet Einar Schleefs Text nach dem Märchen der Brüder Grimm nämlich als angenehm didaktikfreie Konsum-Story, wobei die Kids ab sechs munter mitreden und -tanzen dürfen, wenn die besitzsüchtige Fischersgattin Ilsebill in geboten rührseligkeitsferner Großfrauensucht erst vom Appartement mit Flachbildschirm und dann von sich selbst als Schlossherrin, Königin, Kaiserin und Päpstin träumt. Anspruchsvolle Frauen wollten in der Menschendarstellung nämlich schon immer hoch hinaus.

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