SPIEL Sachen : Erntehelferin gesucht

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„Frau Holle“ schien eine klare Angelegenheit zu sein. Aufsässige Naturen erkannten in der Story der Gebrüder Grimm schon im Kindesalter ein Streber- und Spießerdrama, in dem brave Parteisoldatinnen proper entlohnt und die Aufmüpfigen stigmatisiert werden.

Wir erinnern uns: Zwei Schwestern (die eine so fleißig, blond und devot, dass auch Heidi Klum ihre helle Freude hätte, die andere stinkfaul und auf maximalen Profit bei minimalem Einsatz bedacht) werden von der überirdischen Arbeitsministerin Holle auf ihre Erwerbswilligkeit abgeklopft. Die Parteisoldatin gewinnt sowohl beim Bettenaufschütteln als auch in der Ernte- und Backhilfe haushoch und sahnt ein wasserfestes Goldkleid ab. Die Aufsässige wird mit einem Outfit aus Pech gebrandmarkt.

Auch den Performerinnen der Gruppe Ex defekt kamen beim Wiederlesen dieses Agitprop-Märchens berechtigte Zweifel. Die kritischen Thesen ihres Projekts Frau Holle: Im Herz der Arbeit am Ballhaus Ost (Freitag 18 Uhr und Sonntag, 16 Uhr) dürfte nicht nur von neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung gestützt werden, wonach der geregelte Müßiggang als zentrale Voraussetzung für einen intakten Synapsenbetrieb gilt. Die vier Künstlerinnen, die sich „das Erforschen defekter gesellschaftlicher Strukturen“ zur Aufgabe gemacht haben, entlarven darüber hinaus weitere Mängel in der Vulgärphilosophie der bettenschüttelnden Alten. Das Dilemma beginnt schließlich damit, dass längst nicht jeder, der gerne Äpfel ernten oder Brote aus dem Ofen ziehen würde, die dafür nötige Anstellung auf dem Biobauernhof oder in der Dinkelbäckerei findet.

Zwecks kritischer Revision des Grimmschen Arbeitsbegriffs laden Ex defekt Kinder ab sechs und Erwachsene gleichermaßen zu einem performativen Kongress ein, der nicht nur die aktuelle Verteilung der Produktionsmittel als Krux der Holleschen Logik aufdeckt, sondern auch Fragen nachgeht wie: „Arbeiten Kinder, wenn sie lernen? Arbeitet der Apfel, wenn er wächst?“ Und schließlich – womit das Theater einmal mehr vorbildliche tagespolitische Relevanz bewiesen hätte: „Arbeiten Eltern, wenn sie auf ihre Kinder aufpassen?“ Wir sind wirklich gespannt, wie sich Frau Holle zur Herdprämie positioniert!

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