SPIEL Sachen : Hexe, Riese, Rumpelstilzchen

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Vor knapp zwei Wochen wurde Matthias Lilienthal mit einer großen Party als Intendant des HAU verabschiedet. Theater nicht nur auf der Bühne, sondern auch in realen Räumen gedacht und etabliert zu haben, gehört zu seinen großen Verdiensten. Neben Kreuzberger Schulen, Neuköllner Wohnungen oder einer Daimler-Hauptversammlung im ICC mutierte letzten Sommer mit dem Projekt „Lunapark Berlin“ auch der ehemalige DDR-Vergnügungspark Plänterwald dank HAU zum Theaterszenario. 1969 eröffnet und nach dem Mauerfall von der Schaustellerfamilie Witte übernommen, wurde er im Jahr 2002 abgewickelt. Seither rosten dort Karussellreste und Geisterbahneingänge vor sich hin, die die Performancekünstler vom HAU in Szene setzten.

Jetzt gibt es wieder ein Theaterprojekt im Spreepark (Kiehnwerderallee 1 -3) – komplett anders gelagert, dafür mit zwingendem lokalen Bezug. Die Produzentin Eva-Maria Brückner und die Regisseurin Anne Diedering haben eine Open-Air-Bühnenversion der zu großen Teilen im Plänterwald gedrehten DDR-Kinderkultserie „Spuk unterm Riesenrad“ entwickelt. In dem TV-Siebenteiler aus den späten 1970er Jahren waren mit Käthe Reichel, Katja Paryla oder Stefan Lisewski nicht nur absolute Edelmimen von DT, BE und Co. am Start. Der Plot gestaltete sich auch erfrischend unpädagogisch – und hatte filmtechnisch für damalige Zeiten erfreuliche Trickelemente zu bieten. Im Mittelpunkt stehen die Kinder Keks, Umbo und Tammi, deren Großeltern im Plänterwald eine Geisterbahn betreiben. Durch eine Verkettung unvorhergesehener Ereignisse erwecken die Enkel drei Geisterbahnfiguren – eine Hexe, einen Riesen und das Rumpelstilzchen – zum Leben. Die haben nach ihrer Bewusstseinserlangung keine Lust, sich als Vergnügungsparkbeglücker zu verschwenden und fliehen: vom Centrum Warenhaus am Alexanderplatz per Staubsauger bis in den Harz. Die Kids nehmen die Herausforderung an – und die rasante Verfolgung auf. Wegen des Erfolgs folgte der Fernsehserie seinerzeit nicht nur ein zweiteiliger Kinofilm, sondern auch der Export nach Westdeutschland, Spanien und China.

Die Theatervariante wird auf der Naturbühne direkt am Riesenrad gespielt (Do/Fr 19 Uhr, Sa und Mi 15 & 19 Uhr, So 18 Uhr; Termine und Anfahrtsbeschreibung unter www.spuk-unterm-riesenrad.de). Mit der Vorlage geht sie recht frei um; die 70er-Jahre-Kinder Tammi und Keks haben die letzten vier Jahrzehnte nicht verpennt, sondern warten mit durchaus aktuellen Dialogen auf. Auch die zum Leben erweckten Geister dürfen in zeitgeistige Rocker-Outfits schlüpfen.

Übrigens scheint auch jenseits des idyllisch abgerockten Spreeparks mit seinen überwucherten Schwanenbooten einiges am „Spuk unterm Riesenrad“ dran zu sein: In Dresden und Rostock laufen derzeit ebenfalls Theaterversionen.

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