SPIEL Sachen : Im Auge des Geiers

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Dass blutrünstige Stücke auf Theaterbühnen zu mehr oder weniger freiwilligen Splatterorgien werden, ist ein ziemlich vertrauter Vorgang. Und auch dramatische Horrorvisionen sind uns nicht fremd. Dass sich das Theater aber bei der Stoffwahl von vornherein auf das literarische Schauer-Genre stürzt, passiert seltener. Der Regisseur Stefan Neugebauer adaptiert jetzt allerdings mit dem Clubtheater Berlin zwei Geschichten von Edgar Allan Poe für die Bühne, die in puncto Horror tatsächlich nichts zu wünschen übrig lassen. Am Doppelabend „Grube und Pendel / Das verräterische Herz“ im Stadtbad Steglitz (11.- 13.10.) kommt zuerst ein wehrloses Opfer der spanischen Inquisition zu Wort. Es war nach dem Gerichtsprozess in Ohnmacht gefallen und erwacht jetzt in einem dunklen Kerker, in dem es sich permanent neu zu orientieren versucht. Ratten, ein bedrohlich sich nahendes Metallpendel und eine Stahldecke, die von Tag zu Tag niedriger wird, sind noch nicht die einzigen Herausforderungen.

Der Icherzähler der zweiten Geschichte tötet einen alten Mann. Doch weder Besitzgier noch Neid oder Eifersucht treiben den Täter um, sondern vielmehr eine optische Auffälligkeit seines späteren Mordopfers. Die Tatsache, dass ein Auge des alten Mannes dem Sehorgan eines Geiers ähnelt, kostet ihn das Leben. Poe schildert den Vorgang sehr ausführlich. Die Protagonisten beider Erzählungen könnten zwar auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein. „Aber was ist schon Wirklichkeit?“, fragt die Inszenierung. Möglicherweise handele es sich ja sogar in beiden Fällen um denselben Menschen, habe sich „das Opfer zum Täter entwickelt oder umgekehrt“.

Die Horror-Show wird es an den Tag bringen.

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