SPIEL Sachen : Im Bunker

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Über das zeitgenössische „Sicherheitsdenken“ wird viel debattiert. Auch im Bühnenbusiness. Zum Saisonauftakt widmet sich die Regisseurin Ingrun Aran mit ihrer Truppe okapi-productions im Theater unterm Dach (Danziger Str. 101) diesem Sujet. „Wir fürchten uns vor Krieg, Katastrophen, Terror, Arbeitslosigkeit, dem Alleinsein und der Liebe“, stellt Aran fest und bringt die allgemeine Lage auf den Punkt: „Wir haben eine von Angst geprägte Vorsorgementalität entwickelt.“

Allerdings beschränkt sich die Regisseurin bei ihrer entsprechenden Bühnenuntersuchung nicht auf unsere aktuellen Befindlichkeiten. Sondern sie greift – was in der freien Szene nicht mehr viele tun – auf kanonische Literatur zurück: Pate steht Franz Kafkas Erzählfragment „Der Bau“ (heute, 20 Uhr).

Kafkas Protagonist – ein nicht näher bestimmtes, aber offenbar dachsähnliches Tier, das Kafka-Exegeten zufolge von „Brehms Tierleben“ inspiriert ist – arbeitet an der ultimativen Sicherheitshöhle. Um sich gegen (freilich ebenfalls nicht näher bestimmte) Feinde zu schützen, hat das Tier „durch Kratzen und Beißen, Stampfen und Stoßen dem widerspenstigen Boden“ einen Bau abgetrotzt, der ihm gleichermaßen als Schutzraum und Vorratskammer dient. Kein Wunder, dass der animalische Antiheld schon bald von dem quälenden Gedanken besessen ist, durch eine permanente Optimierung seiner labyrinthartigen, unterirdischen Architektur auch seine persönliche Sicherheit stets verbessern zu müssen. Aber allen Vorkehrungen zum Trotz wird das Tier eines Tages von einem kaum wahrnehmbaren Geräusch – einem Zischen – überrascht, das leider nicht zu orten ist und sich auch sonst jedem Zugriff entzieht.

Nach ihrer interessanten Dostojewskij-Arbeit „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ vom letzten Jahr schickt Ingrun Aran den Schauspieler Iljá Pletner jetzt in die Spur, um zu zeigen, wie „Observierungs- und Perfektionsdrang zu Wahn und Paranoia werden“.

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