SPIEL Sachen : In den Graben gefahren

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Dass sich Musik hervorragend als Emotionsverstärker eignet, ist weithin bekannt – zumal unter Theatergängern. Die wissen aus leidvoller Erfahrung, wie oft eine hoch dosierte Klang-Nummer der einzige Pathos-Transporter ist, der Gefühle wirklich zuverlässig über die Rampe trägt.

Nino Haratischwilis Aufführung Das Jahr von meinem schlimmsten Glück im Ballhaus Ost (18./19.3., 20 Uhr) geht sogar noch einen Schritt weiter. In ihr kommt der Musik eine regelrecht existenzielle Dimension zu: Eine Frau liegt nach einem Autounfall verletzt im Straßengraben. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzt, ebenfalls in einem Auto, bewegungslos ein Mann. Die Frau leidet an akuter Amnesie. Sie erinnert sich wirklich an nichts. Sogar ihr eigener Name ist passé. Nur die Musik aus dem Autoradio, „Gloomy Sunday“, entpuppt sich bald als Spur zu ihrer eigenen Identität – und obendrein zu einer pathetischen Liebesgeschichte.

Die 1983 in Tiflis geborene deutsch-georgische Haratischwili zählt zwar so renommierte Künstlerinnen wie Jette Steckel zu ihren Uraufführungsregisseurinnen. Aber meist inszeniert die Autorin, die in Tilflis zudem Film- und in Hamburg Schauspieltheaterregie studierte und mit ihrem Debütroman „Juja“ 2010 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, ihre Stücke selbst – wie auch im aktuellen Fall. In der Erinnerung des Unfallopfers Ivy tauchen – der Musik sei Dank – langsam Frauen unterschiedlichen Alters auf, in denen Ivy schließlich sich selbst in verschiedenen Lebensstadien erkennt; die jeweiligen (und im Nachhinein nicht immer ganz leicht verstehbaren) Beziehungen inklusive. So werden Ballhausbesucher Zeugen einer spannenden Identitäts(re)konstruktion auf offener Bühne, in der vieles, aber hoffentlich nicht alles, am richtigen Sound hängt.

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