SPIEL Sachen : Intrigieren und andere Jobs

Christine Wahl geißelt die Niedertracht am Arbeitsplatz

Christine Wahl

Jüngsten wissenschaftlichen Studien zufolge betrachten sich mindestens eine Million Berufstätige in Deutschland als Mobbing-Opfer. Ganz gleich, ob sich die Kollegen, der Chef oder beide als Psychoterroristen betätigen: Für die schrumpfende Bevölkerungsgruppe, die noch einem geregelten Job nachgeht, wird es am Arbeitsplatz immer unlustiger.

Die Dramatik, besonders die amerikanische, hat sich diesbezüglich schon vor über einem Jahrzehnt als praktische Lebensberaterin an die Theaterzuschauer herangekumpelt. Bereits 1998, noch zu stürmerisch-drängerischen Baracken- Zeiten, brachte der heutige Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier eine Erwerbstätigen-Farce von Richard Dresser auf die Bühne, deren Titel „Unter der Gürtellinie“ vielen Mobbing-Opfern aus der Seele sprechen dürfte.

Bei Dresser beginnt das Arbeitselend damit, dass sich die Kollegen förmlich biegen vor Lachen, als ein neuer Mitarbeiter – ein Produktprüfer – mit der redlichen Frage auf der Matte steht, was hier eigentlich so den lieben langen Tag zu prüfen sei. In dieser ominösen Fabrik, kapiert der Newcomer schneller, als ihm lieb ist, geht es nicht um zielorientierte Arbeitsabläufe, sondern ausschließlich um Intrigen, Zweckallianzen und nachhaltig verschrobene Chefs. So weit, so identifikationsträchtig.

Was das Erwerbsleben in Dressers am Absurden geschulten Stück allerdings wesentlich unangenehmer macht als jeden real existierenden Arbeitsplatz, ist die Tatsache, dass es buchstäblich kein Entrinnen gibt: Die Produktprüfer leben in einer völlig isolierten Sphäre. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ermöglicht ein aus heutiger Sicht höchst altmodischer – und naturgemäß nicht hundertprozentig verlässlicher – Briefwechsel mit den Gattinnen. Wo dieser deprimierende Arbeitsalltag endet, zeigen Ingrun Aran und ihr Team okapi_productions, die „Unter der Gürtellinie“ jetzt im Theater unterm Dach (Danziger Straße 101, Sa u. So, 20 Uhr) wieder ausgegraben haben.

In puncto Mobbing bietet übrigens auch das Grips-Theater, wenn auch leider erst wieder im Januar, Lebenshilfe: In der lohnenden Inszenierung „Wehr dich, Mathilda!“ lernen schon Zeitgenossen ab sechs, was man mobbenden Mitschülern und überforderten Lehrerinnen entgegensetzen kann – um später nicht in Dressers Firma zu landen.

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