SPIEL Sachen : Lasst den Rubikon in Ruhe!

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Im Theater wird zurzeit ständig der Rubikon überschritten: Keine Inszenierung, die sich die bundespräsidiale Blamage auf der Mailbox des „Bild“-Chefs entgehen ließe! Führend ist das Deutsche Theater: Hier führten tragende Bühnencharaktere gleich in beiden Januar-Premieren wiederholt die Wulffsche Wendung im Munde. In Thomas Vinterbergs „Kommune“ ist die Rubikon-Metapher Vorbotin eines Ehekrachs, als die hartgesottene und betrogene Anna den Ausstieg aus dem Duldungsstatus verkündet. Und in Jette Steckels Sartre-Inszenierung „Die schmutzigen Hände“ schaffte der Rubikon es fast in sozialrevolutionäre Regionen. Der proletarische Bodyguard des Parteisekretärs Hoederer macht mittels der Grenzflussmetapher seinem Unmut über den defizitären Status quo Luft.

Im Publikum beginnt man wegen dieser dramatischen Häufung natürlich unweigerlich über die Aktualität des Theaters nachzudenken. Knapp drei Wochen brauchte der Rubikon aus der Tagesschau bis auf die Bühne des Deutschen Theaters. Für das altehrwürdige Medium ist dieses Tempo sicher nicht schlecht. Aber der Aktualität hinkt man auf der Bühne eben doch strukturell hinterher. Up to date wäre am Premierenabend der „Schmutzigen Hände“ statt des Rubikons zum Beispiel ein identifikatorisches „Auch Neuer hat vergeigt“ gewesen – scheiterte Sartres Bürgersohn Hugo doch zeitgleich an der Erfüllung seines Parteiauftrags wie Bayern München an Borussia Mönchengladbach.

Insofern ist es clever, wie das kleine Theater unterm Dach der Verdammnis, immer zu spät zu sein, entgeht. Statt auf Tagesaktualität konzentriert man sich hier auf die Zukunft und spielt unter dem Titel „Trainingscamp – Vorbereitungen auf ein späteres Drama“ (tgl. bis So, 20 Uhr) das Rentnerleben im Jahr 2030. Bis dahin dürfte auch der Rubikon durch sein.

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