SPIEL Sachen : Lenin und Lennon

Christine Wahl

Das soeben verabschiedete Wirtschafts- und Finanzkrisenjahr 2008 bescherte Karl Marx und seinem „Kapital“ völlig ungeahnte Bestsellererfolge. Davon könnten jetzt – obwohl sie es natürlich gar nicht nötig haben – auch die Performancekünstler Andcompany & Co. profitieren. Die Truppe ist auf einen überdurchschnittlich intelligenten Umgang mit ausverkauften, versackten, gescheiterten Ideologien und Utopien spezialisiert. Sie sampelt philosophische und ästhetische Bruchstücke aus dem vergangenen Jahrhundert und verdichtet sie musikalisch-theatral zu ihrem ureigenen politischen Statement. In ihrem letzten Projekt „Showtime: Trial & Error“ knöpfte sich Andcompany & Co. zum Beispiel Heiner Müllers „Hamletmaschine“ vor und stülpte ihr auf äußerst durchdachte Weise die zeitgeistige Kulturtechnik der Fernsehshow über. Ein Showmaster drehte grinsend am Glücksrad, auf dem sich tragende Müller’sche Hamlet-Motive („Ophelia, Europa, Blabla“) fanden. Und die Kandidaten bekamen dann, je nach Stand des Rades, hanebüchene themenspezifische Spielaufgaben.

Wer bei diesem Vergleich schlechter abschnitt – Müllers Text oder das Showformat – war keine Frage. Das Raffinierte an diesem Projekt bestand darin, dass es Andcompany & Co. gerade durch diese Brachialverfremdung auf wundersame Weise gelang, den Müller’schen Kern seltsam unbeschadet und wirksam offenzulegen. Nun zeigt die Truppe im HAU 2 ihre neue Produktion „Mausoleum Buffo“ (6./7. und 9. bis 11.1., 20 Uhr). Und verspricht, „Mausoleum Buffo“ erkläre sich schuldig am Kalten Krieg, am Sieg des Westens und am Untergang des Amilandes. Der – um nochmals Heiner Müller im Munde zu führen – „Clinch von Revolution und Konterrevolution“, kündigt die Truppe an, „wird zur innigen Umarmung zweier Superhelden: Lenin und Lennon“. Wenn das keine Verheißung fürs neue Jahr ist!

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