SPIEL Sachen : Lichtblicke und Wegsacker

von

In seinem „Konzert für Städtebewohner“ im Maxim Gorki Theater singt Rainald Grebe über Großstädter, die sich zwischen den Jahren mühsam ein paar Tage freigeschaufelt haben und nun auf ihren Brandenburger Landsitzen um den Ofen sitzen. Sie reden über „Carsharing“, führen Selbstgespräche mit ihren Konten und fordern lethargisch, „der Peymann sollte endlich in Rente gehen“. An manchen Abenden ersetzt der Grebe „den Peymann“ auch durch „den Castorf“.

Wenn man nun selber so am Ofen hockt und das Berliner Theaterjahr 2010 Revue passieren lässt, macht sich eine unglaubliche Milde und Harmonie breit. Sie passt bestens zu der Schneedecke, unter der Berlin gerade versunken ist. Denn es war so ganz und gar okay, dieses Theaterjahr. Noch nicht mal die Flops verursachten leidenschaftliche Ärgernisse; man muss sie sich eher als grundsolide Wegsacker vorstellen, die immerhin tadellos ausgeleuchtet waren. Plötzlich wird man schläfrig und träumt, wie der Grebe das Ofen-Lied in 20 Jahren immer noch singt: Alles ist beim Alten geblieben. Nur die Namensliste für die Rentenverweigerer wurde länger – und immer jünger, sodass der eine oder andere sich heimlich nach dem Peymann oder dem Castorf zurücksehnt.

Glücklicherweise knallt in diesem Moment ein Schneeball ans Fenster; eine Art Weckruf, der doch noch einige tolle Theatermomente aus dem Hinterkopf befördert: Im Maxim Gorki Theater zeigte ein hochbegabter junger Regisseur namens Antú Romero Nunes mit dem „Prinzip Meese“ auf eine völlig neue Weise, wie man theatrale Hochkultur mit bodenständigem Alltag verbinden, dabei beides aufwerten und nebenbei noch Schauspieler zu Höchstleistungen bringen kann. Im HAU hat sich She She Pop, eine Truppe aus dem Poptheater-Geist der Neunziger, noch einmal neu erfunden: „Testament“, ein Doku-Abend über den Generationskonflikt auf der Folie des „Lear“, sucht in puncto Intelligenz und Schonungslosigkeit seinesgleichen. Und im Deutschen Theater schließlich ist sich Dimiter Gotscheff treu geblieben und konnte dadurch Tschechows Erzählung über Genie und Wahnsinn, „Krankenzimmer Nr. 6“, aus einer ganz neuen Perspektive sehen. An diese Novitäten sollte es sich 2011 doch eigentlich anknüpfen lassen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben