SPIEL Sachen : Mehr Inhalt, weniger Effizienz!

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Schöne Märchen beginnen ja mit einem Glückspilz, der drei Wünsche offen hat. Wir Theaterkritiker – bekanntermaßen eine sehr genügsame Spezies – würden uns dagegen sogar schon mit einem einzigen Wunsch für das Bühnenjahr 2013 bescheiden. Der lautete dann etwa, in sehr freier Anlehnung an Shakespeare: Mehr Inhalt, weniger Effizienz!

Denn wenn es im vergangenen Jahr eine auffällige Tendenz gab, dann war es die zur süffig-ergebnisorientierten Dramenvergegenwärtigung: Wo immer sich ein römischer Feldherr wie Herr Coriolanus in demokratiefeindlicher Pöbelverachtung erging oder eine antike junge Frau den Widerstand probte, witterte man akute Gegenwart (Abgehobenheit derer „da oben“, Zivilcourage- Appell an die „da unten“) und entschnörkelte ihre Texte in Richtung eines glatt durch die Kehle rutschenden Drehbuchdeutschs.

Im Zuschauer-Ohr schließt solch ein Abend gern mal lückenlos zum „Tatort“ auf: Kein überflüssiges Wort um der Poesie willen, kein Handlungsstrang, der nicht eine absolut sachdienliche Information enthielte, und final natürlich keine einzige offene Frage, wie die handlich mitgelieferte Botschaft zu verstehen sei.

Wie man indes auf der Höhe der Gegenwart, sogar unterhaltsam und dabei trotzdem klug Fragen stellen kann, zeigt Nicolas Stemanns Inszenierung Die heilige Johanna der Schlachthöfe aus dem Jahr 2009 im Deutschen Theater, die jetzt leider zum letzten Mal läuft (Di 8.1., 19.30 Uhr). Stemann dividiert ganz genau auseinander, welche Mechanismen in Brechts dramatischem Vieh-Börsen-Kracher gnadenlos veraltet sind und welche relativ unverändert weiterwirken oder wie aus einem Brecht’schen Unternehmer-Archetypen ein zeitgenössischer sozialer Akteur wird. Diesen Abend verlässt man garantiert mit mehr als einem Gedanken – nicht nur wegen einer grandiosen Margit Bendokat als permanentem Störfaktor der zeitgeistigen (Handlungs-)Ökomonie!

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