SPIEL Sachen : Nackte Männer im Märchen

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Heute schon die Trends von morgen aufspüren – das kann in einer nicht übermäßig innovationsfreudigen Theatersaison wie dieser hervorragend über kulturtrübe Tage hinweghelfen. Ein Ort, der sich solcherlei Scouting verschrieben hat, ist das Puppentheater Schaubude (Greifswalder Str. 81–84, Prenzlauer Berg). Hier werden regelmäßig Diplomarbeiten der „Ernst Busch“-Schauspielschule, Abteilung Puppenspielkunst, gezeigt.

Glaubt man Magdalena Roths und Florian Kräuters Projekt Wer zuletzt (noch) lacht! (heute, 20 Uhr), scheint sich ein Bühnentrend in Richtung „nackter Männer in Kisten“ zu bewegen. Der nackte Mann an sich ist kein Novum auf den Brettern, aber die räumliche Verdichtung – zumal in Kombination mit „doppelt gestorbenen Leichen, rosafarbenen Hämmern“ und vor dem Hintergrund eines „Morgens auf dem Acker“ – könnte zukunftsweisend sein. Roth und Kräuter beziehen sich bei allem Innovationsgeist übrigens auf ein alt gedientes Werk, Hans Christian Andersens Märchen „Der große und der kleine Klaus“.

Womit wir beim zweiten Trend wären: Passend zu den regelmäßig wiederkehrenden Diagnosen, wonach die Jugend heutzutage keine Lust habe, erwachsen zu werden, erwartet uns möglicherweise eine ganze Märchenschwemme auf den Bühnen. Denn auch Julia Struwe greift in ihrer Diplompuppenspielinszenierung Die zertanzten Schuhe in der Schaubude (morgen, 20 Uhr) auf einen Genreklassiker zurück. Allerdings verbindet die Ernst-Busch-Absolventin die Story von den Nachwuchsmonarchinnen, die nachts heimlich Party machen, mit der harten Geschichte ihrer Großmutter – einer, die Sperrstunden und Flüchtlingslager zum Inhalt hat. Den Abschluss der kleinen Diplomwerkschau setzen am Sonntag (20 Uhr) Annemarie Twardawa und Astrid Kjaer Jensen, deren „Katzenkrimi im Stil des Film noir“ garantiert in keine Trendschublade passt: Kratz bedient sich ebenso lässig bei Detektivgeschichten und dem „Tatort“ wie bei der aktuellen Tierforschung.

Was sich hingegen im klassischen Schauspiel tun wird, kann ganzjährig auf der bat-Studiobühne in Prenzlauer Berg (Belforter Straße 15) besichtigt werden. Dieser Tage wagt sich am hauseigenen „Ernst Busch“-Aufführungsort Juliane Kann, Studentin des Regiestudiengangs im dritten Jahr, an Roland Schimmelpfennigs Reich der Tiere (morgen, 20 Uhr). Das ist mutig, weil jeder Berliner Theaterenthusiast sich noch an Jürgen Goschs Inszenierung von 2007 am Deutschen Theater erinnern dürfte.

Schimmelpfennigs Sujet steht nicht unter akutem Trendverdacht, es ist eher ein thematischer Dauerbrenner. Anhand einer Truppe Schauspieler, die ihren Job ja buchstäblich verkörpern müssen und sich deshalb von jeher als besonders dankbare Berufsgruppe empfehlen, wenn es um die Auslotung des modernen Erwerbslebens geht, fragt sin Stück nach arbeitsmarkttechnischen Deformationen. Seit Jahren geben die Bühnenakteure bei Schimmelpfennig allabendlich die gleichen Tierrollen in einem En-suite-Hit und sind mit ihrer Zweitidentität als Marabu, Ginsterkatze oder Löwe schon ein Stück weit verwachsen – woraus sich natürlich entsprechende Reflexionsmöglichkeiten über die Dialektik von Spiel und Ernst, Schein und Sein ergeben. Der Schock sitzt entsprechend tief, als das Tierwerk durch eine Neuproduktion ersetzt werden und der Marabu als Toastbrot, die Ginsterkatze als Spiegelei auftreten soll. Wollen wir künftig Lebensmittel auf der Bühne sehen? Darüber sollten wir dringend nachdenken.

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