SPIEL Sachen : Prenzlauer Puppenheim

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Henrik Ibsens „Nora“ ist als Emanzipationsgeschichte rauf und runter gespielt worden; selbstredend auch in diesem Jahr. Die Gattin, Hausfrau und Mutter, die sich von ihrem Mann Eichkätzchen oder Leckermäulchen nennen lässt, wird durch äußere Umstände gezwungen, ihren Angetrauten nach acht Ehejahren noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Das Resultat fällt für den Betreffenden bekanntlich negativ aus: Nora verlässt ihr „Puppenheim“. Und eigentlich, sollte man meinen, haben bereits alle inszenatorischen Frauenversteher/innen gestriger wie heutiger Tage ihre Sicht auf diesen Selbstbefreiungsklassiker bereits dargelegt, weshalb es – Betreuungsgeld hin oder her – immer schwieriger wird, tatsächlich noch einen originellen Blick auf das 1879 uraufgeführte Ibsen-Stück zu werfen. Allerspätestens seit Herbert Fritsch „Nora“ am Theater Oberhausen als großartig misanthropische, sprich: männer- wie frauenfeindliche und dabei hochnotkomische Horrorstory mit Hitchcock- und Zombie-Anleihen auf die Bühne brachte, scheinen die Deutungsvarianten ziemlich erschöpft.

Ein Aspekt allerdings ist in der Rezeption vom großen Emanzipationsdrama inklusive Urkundenfälschung, Arbeitsplatznot, Erpressung und Vetternwirtschaft bis dato ziemlich verschüttet geblieben: Bei „Nora“ handelt es sich auch um eine veritable Weihnachtsfamiliengeschichte; das Ehe-Elend spielt sich unterm Christbaum ab. Im Theater unterm Dach trägt man dieser Tatsache jetzt gebührend Rechnung und zeigt den Ibsen-Hit im familienaffinen Stadtteil Prenzlauer Berg zur Einstimmung aufs Fest am vierten Adventswochenende (heute und morgen, 20 Uhr). Zusätzlicher Pluspunkt: Vielleicht lässt sich ein großes Talent entdecken. Der Abend von Regisseur Jonathan Gruner gehört zur Reihe „Buschfeuer“, in der Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ freie Inszenierungen präsentieren, die außerhalb des Unterrichts ohne dozentische Begleitung entstanden.

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