SPIEL Sachen : Puschle mich!

von

Was finden wir peinlich? Für die Bühne ist das eine großartige Frage. Peinlichkeit hat enormes theatrales Potenzial. Eine Figur, die sich auf geradezu demütigende Weise zum Affen macht, ist der schnöselige Chefdiener Malvolio, der in Shakespeares „Was ihr wollt“ in seine blaublütige Arbeitgeberin Olivia verliebt ist. Leider hat Malvolio die Eigenschaft, seine Kollegen zu tyrannisieren. Die rächen sich, indem sie ihn mit Hilfe eines fingierten Briefes dazu bringen, sich der Angebeteten in hochnotpeinlichem Outfit zu präsentieren. Dass der Moment, in dem Malvolio absurd kostümiert und irre grinsend vor die ahnungslose Olivia tritt, zu den abgründigsten des Theaterkanons gehören kann, hat der frisch zum Schauspieler des Jahres gekürte Jens Harzer in Jan Bosses Inszenierung am Hamburger Thalia Theater bewiesen: Ausgeschlossen, dass auch nur ein Zuschauer ohne zugeschnürte Kehle im Parkett sitzt, wenn Harzer in einer zitronengelben Kreuzung aus Badeanzug und Damenbody – die Beine in schwarze Strumpfbänder geschnürt – vor Olivia herumhüpft und „Puschle mich!“ ruft.

In den Sophiensaelen, die renovierungsbedingt in einer Ausweichspielstätte gastieren, gehen der Regisseur Tobias Rausch und die Schauspielerin Claudia Wiedemer der Peinlichkeitsfrage aus heutiger Sicht nach. Wiedemer hatte mit ihren drei Schwestern als Teenie-Combo „S.O.S.“ in einem Hamburger Fußballstadion vor 30 000 Fans einst eine grandiose Pleite hingelegt: Das komplette Stadion buhte bei ihrem Auftritt. In Help! (bis So, 20 Uhr, im Gemeindesaal Moabit, Putlitzstraße 13, 19.30 Uhr Shuttle-Bus ab Sophiensaele) arbeiten die Sisters nun ihr Trauma auf. Neben tollem Gesang fällt dabei die Erkenntnis ab, dass sich in puncto Peinlichkeitsabgründigkeit von Shakespeare bis zu den Wiedemer Sisters mit ihren eher hübsch-anekdotischen Radio-Outings und Jobs als Geburtstagstorten-Sängerinnen einiges verändert hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar